Posted On 15. Mai 2017 By In Crimemag, Film/Fernsehen, News With 189 Views

Filmkolumne Max Annas: On Dangerous Ground (16)

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Film, Verbrechen und andere Mittel – Max Annas über „The Window“ von Ted Tetzlaff nach Cornell Woolrich

Den Film kann man in ganz wenigen Sätzen ganz einfach nacherzählen. Ein Junge mit blühender Phantasie erzählt seinen Eltern von einem Mord, den er tatsächlich gesehen hat. Die glauben ihm nicht. Die Mörder hingegen begreifen, dass sie beobachtet worden sind und versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen. Er entkommt, die Bösen kriegen, was sie verdienen. Film zu Ende. Das alles nach einer short story von Cornell Woolrich.

„The Window“ beruft sich auf eine Geschichte, die Woolrich 1947 geschrieben und veröffentlicht hat, „The boy who cried Murder“. Unschwer zu erkennen, worauf sich der Autor mit dem Titel beruft – auf Aesops Fabel um den Jungen und den Wolf, ein zweieinhalb Jahrtausende altes Stück. Die Story erhielt ein Jahr später einen anderen Namen, „Fire Escape“, und wurde in William Irishs Sammelband „Dead Man Blues“ veröffentlicht – Irish war eines der beiden Pseudonyme, die Woolrich benutzte. Zu dem Zeitpunkt war der Film längst abgedreht, eine RKO-Produktion, die dem Produzenten selbst gar nicht so sehr gefiel, Howard Hughes himself. So brauchte es zwei Jahre zwischen dem Dreh und der Veröffentlichung. 1949 schließlich wurde der Film ein veritabler Kassenschlager und erhielt sogar zwei Oscars, einen für den Schnitt (Frederic Knudtson) sowie eine Sonderauszeichnung, einen Juvenile Oscar für den zur Zeit des Drehs zehnjährigen Bobby Driscoll in der Rolle des Tommy.

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Wie in Woolrichs berühmterer Geschichte „It had to be Murder“ von 1942, die Hitchcock 1954 als „Rear Window“ verfilmte, geht es in „The boy who cried Murder“ a.k.a. „Fire Escape“ a.k.a. „The Window“ um ein Fenster. Während James Stewart als Fotograf mit Gipsbein aus einem hinausschaut und den Hinterhof in seiner ganzen narrativen Pracht vor Augen hat, blickt Tommy in einer zu warmen Sommernacht in eines hinein. Er hat sich aus seinem Bett geschleppt und liegt auf der Feuertreppe des Hauses. Ein Geräusch weckt ihn, und er sieht durch das geöffnete Fenster über seiner Lagerstatt, wie die Nachbarn, die Kellersons, einen Mann erstechen, der zuvor in einer Geldbörse herumgekramt hat. Mehr wird als Motiv für den Mord nicht angeboten.

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Tommy sieht das ausschnitthafte der Geschichte – Mann versucht zu stehlen, wird daraufhin umgelegt – seinerseits durch einen radikalen Ausschnitt – die Jalousie lässt gerade so viel Platz, dass er ein cinemascopeartiges Format vor Augen hat. Er sieht Teile von Körpern als Ballett mit- und gegeneinander, visuell wie akustisch eine Kakophonie für den verschlafenen Jungen, der sich aber in einem Punkt absolut sicher ist. Das blutige Loch im Rücken des Opfers und die Schere auf dem Teppich gehören zusammen. Er hat einen Mord beobachtet.

„Knapp“ ist gar kein Begriff für die Ökonomie dieses Films

Ted Tetzlaff, als Kameramann noch in der Stummfilmzeit aktiv, drehte „The Window“ in der fünfjährigen Zeitspanne von 1947 bis 1952, in der er insgesamt zehn Filme als Regisseur verantwortete. Der Ökonomie dieser Filme entspricht ihr Erzählen, mit einem Begriff wie knapp ist „The Window“ kaum beizukommen. Die gerade einmal eineinviertel Stunden zeigen tatsächlich nicht viel mehr als die oben angerissenen Basics, die Woolrich angeboten hat. Der Film verzichtet sogar noch einmal mehr auf Beiwerk wie nebensächlich Biografisches. Der Mord hat stattgefunden. Das Warum ist nebensächlich. Tommys Dad (Arthur Kennedy) geht nachts arbeiten. Was er macht, tut nichts zur Sache. Jedes Bild, alles Gezeigte ist wichtig für die Geschichte, Schritt für Schritt arbeitet Tetzlaff das feine Drehbuch von Mal Dinelli ab, der auch für Ophüls „The Reckless Moment“ und für Langs Meisterwerk „House by the River“ verantwortlich war. So stehen wir nach dreizehn von 73 Minuten vor der dramatischen Situation, dass Tommy den Mord beobachtet hat und gleich seiner Mutter (Barbara Hale) wecken wird, um ihr davon zu erzählen. Natürlich glaubt sie ihm nicht.

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Film und Story sind tief pessimistische Werke. Kein Zeichen von Aufbruch nach dem Ende des Krieges. Starke Frauen? Wir sind schließlich im film noir. Aber die Mutter ist Hausfrau und verwaltet den Mangel. Mrs Kellerson (Ruth Roman) befolgt die Anweisungen ihres Gatten (Paul Stewart). Die Gegend in der Lower East Side sieht aus wie nach einem Bombenangriff, Abbruchhäuser, Elend, working class ohne Perspektive. Der Anlass für das Verbrechen? Tommy beobachtet, wie der gleich darauf Ermordete nicht mehr als ein paar Flocken aus einem Portemonnaie zieht. Grund genug, jemandem eine Schere in den Rücken zu stecken. Das am tiefsten Deprimierende aber ist das Verhältnis zwischen Tommy und seinen Eltern. Der Junge, mit zahlreichen Talenten gesegnet, erfährt zu Hause nichts als Maßregelung und Strafe. Der Vater erzählt ihm, wie gern er stolz auf seinen Sohn sein möchte, nur um ihn nach zahllosen Zurückweisungen und Demütigungen innerhalb weniger Stunden, er glaubt seinem Kind auch kein Wort, am Ende des Films endlich anzuerkennen: Ja, der Mord hat tatsächlich stattgefunden. Zwischen Kind und Eltern besteht keine Kommunikation. Zwei Generationen, die in unterschiedlichen Welten leben. Vielleicht ist das Woolrichs Erkenntnis aus dem Krieg. Dass diese beiden Generationen sich nichts zu sagen haben können. Dass Kriegserfahrung taub macht für die Lebendigkeit eines kleinen Jungen.

 

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Der Krieg wird nicht erwähnt im Film, und auch nicht im Buch. Aber Arthur Kennedys Working Class-Dad, mit hochgekrempeltem Denim-Hemd, war möglicherweise in Europa und ist mit weniger Worten zurückgekommen als er sie im Gepäck gehabt hatte. Der Krieg kam auch nicht vor in Woolrichs „It had to be murder“, dabei kann man sich James Stewart in Hitchcocks Film doch gut vorstellen als Kriegsfotograf, so wie er seine beruflichen Interessen beschreibt. Bei Woolrich hatte der Protagonist gar keinen Beruf, der Fotograf und die Kamera auf seinem Schoß waren Ausschmückungen, um das Thema Voyeurismus in einen dem Mainstream kompatiblem Rahmen zu bringen. Ein kurzer Vergleich zwischen den beiden Filmen lohnt allein, weil sie so unterschiedlich mit Woolrich umgehen. John Michael Hayes, Hitchcocks Drehbuchautor, setzt ordentlich Fett an die schmale Kurzgeschichte. Neben dem oben Erwähnten ist da vor allem die Liebesgeschichte, für die die Figur eingebaut wird, die Grace Kelly spielt. Zum einen generiert der Dialog zwischen den beiden genügend Gelegenheiten, den Konflikt des Fotografen zu formulieren und zu diskutieren – er glaubt, ist sich nicht ganz so sicher wie Tommy, einen Mord entdeckt zu haben, it had to be murder. Zum anderen wurde die reizende Blondine für den Film geschaffen, um sie in Gefahr zu bringen. Der Fotograf schickt sie in die Wohnung, in der der Mord geschehen sein muss.

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Demgegenüber ist Woolrichs reduziertes Erzählen in „The Window“ noch einmal entschlackt worden. In der Story weiß Tommy mehr über den Mord und seine Folgen als im Film. Er kennt sogar die Pläne für die Beseitigung der Leiche. Bei Woolrich hat der Vater einen noch derberen Umgang mit seinen Sohn als im Film, er schlägt ihn, was Kennedy bestenfalls andeutet, „i will have to punish you!“. Strafe erfährt Tommy allerdings genügend. Er wird beschimpft, er muss ohne Essen zu Bett, letztlich wird sogar das Fenster seines Zimmers zugenagelt, wir reden über das ganze Arsenal dunkelster Pädagogik.

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Aber der Höhepunkt der Demütigung, gleichzeitig Höhepunkt des Films, wie Woolrichs Story ist dies: Nachdem Tommy ohne Erfolg zuerst Mutter und dann Vater von dem Mord erzählt hat, ist er trotz Stubenarrest zur Polizei gerannt, weil doch irgendwer auf der Welt ihm glauben muss. Die Mutter weiß als Konsequenz keine andere Lösung, als mit Tommy eine Treppe höher zu den Kellersons zu gehen. Sie klopft an deren Tür und erzählt ihre Version der Geschichte, Tommy habe sich ausgedacht, die Nachbarn hätten einen Mord begangen. Und liefert den Sohn damit aus.

Woolrichs Geschichte demontiert alle Autoritäten der US-Nachkriegsgesellschaft, und Tetzlaffs Film spielt das Spiel weitestgehend mit. Die Eltern: Hilflose Cretins. Die Nachbarn: Giftige Mörder. Die Bullen: Unwillige Idioten. Die USA sind eine Gesellschaft, der man ein Kind nicht anvertrauen kann. Zwischen den Generationen besteht ein Pakt des Misstrauens. Vielleicht sogar des Neids. Die Alten sehen, dass ihr Sohn ohne den Krieg aufwachsen könnte, der die bestens Jahre ihres Lebens zerstört hat. Dabei ist das mit dem Kriegsende halt so eine Sache. Korea natürlich um die Ecke. Und wenn auch Tommy zu jung dafür sein wird. Vietnam liegt nicht so weit weg von Korea.

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The Window; Regie: Ted Tetzlaff; Drehbuch: Mal Dinelli; USA 1947 / 1949; 73min; Kamera: Robert De Grasse, William Steiner; Musik: Roy Webb; DarstellerInnen: Bobby Driscoll, Arthur Kennedy, Barbara Hale, Ruth Roman, Paul Stewart

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Zu den Filmkolumen von Max Annas bei CrimeMag geht es als Überblick hier.
window 1061197-bBisher erschienen:
Verräter“ von Karl Ritter
 „In jenen Tagen“ von Helmut Käutner
 „Nachts auf den Straßen“ Rudolf Jugert
„Man Without a Star“ von King Vidor
 „Day of the Outlaw“ von André De Toth
„Frozen River“ von Courtney Hunt
 „J´ai pas sommeil“ (Ich kann nicht schlafen) von Claire Denis
„Outrage“ von Ida Lupino 
„Fury“ von Fritz Lang
„Nada“ von Claude Chabrol und die Bücher von Jean-Patrick Manchette
 „Executive Action“ von David Miller
„Devil´s Doorway“ von Anthony Mann
„Acı“ von Yilmaz Güney
Deprisa, deprisa“ von Carlos Saura
„La città si difende“  von Pietro Germi.

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