Posted On 15. Oktober 2016 By In Crimemag, Film/Fernsehen With 1409 Views

Film: Veit Harlan: Opfergang

7176cx-vwel-_sx425_Todessehnsucht in Agfacolor

von Joachim Kurz

Eine Postkarten-Idylle eröffnet diesen Film von Veit Harlan, die fast wie eine Selbstversicherung wirkt: Wir sehen Stadtansichten von Hamburg, die beinahe schon verträumt wirken, eine große Stadt mit Hafen, unberührt, unzerstört, intakt. Es ist – wie fast alles in „Opfergang“ – eine Illusion, ein Trugbild, eine Täuschung. Zwischen dem 24. Juli und dem 3. August 1943 erschütterten schwere Bombardements der Royal Air Force und der US-amerikanischen Luftstreitkräfte die stolze Hansestadt, die „Operation Gomorrha“ war eines der ersten und schwersten Flächenbombardements des Zweiten Weltkrieges mit rund 35.000 Todesopfern.

1942/43, also vermutlich vor dem verheerenden Luftangriff und zeitgleich mit „Immensee“ gedreht, ist „Opfergang“ ein verwirrender Film – und natürlich einer, der sich nicht von der monströsen Persönlichkeit seines Regisseurs trennen lässt. Veit Harlan war während des Dritten Reiches einer der führenden Regisseure und ein erklärter Liebling des Propagandaministers und Filmexperten Joseph Goebbels – und der Schöpfer des infamen „Jud Süß“. Gemeinsam mit seiner Frau, der aus Schweden stammenden Schauspielerin Kristina Söderbaum (aufgrund ihres häufigen suizidalen Ablebens in Harlans Filmen im Volksmund auch „Reichswasserleiche“ genannt), war er ein Propagandist, der sich exakt auf Partei- und Staatslinie befand und der bis zum Ende alle nur erdenklichen technischen und finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt bekam, die er benötigte.

Diese Production Values sieht man „Opfergang“ durchaus an: Als einer von insgesamt nur zehn Filmen des Dritten Reiches wurde er in dem von 1934 bis 1938 entwickelten Agfacolor-Verfahren gedreht, das entwickelt worden war, um der Dominanz des US-amerikanischer Technicolor etwas entgegensetzen zu können. Auch die Dekors und Bauten, das Kostümbild und alle Ausstattungsdetails lassen einen Überfluss an Ressourcen erahnen, der in diesen Jahren eine absolute Ausnahme dargestellt haben muss. Und gerade gegen Ende, wenn die Protagonisten und mit ihnen der Film im Fieberwahn zu delirieren beginnt, entwickelt die expressive und exzessive Farbgestaltung eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann.

Was „Opfergang“ nun – und zwar noch weitaus stärker als „Immensee“ – auszeichnet (im Guten wie im Schlechten), sind einerseits seine technischen Besonderheiten und stilistischen Extravaganzen und andererseits das gleichzeitige Negieren und Durchschimmern der Zeitgeschichte und der Umstände, unter denen er entstand. Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass „Opfergang“ – wohl um „Immensee“ nicht in die Quere zu kommen – erst zum Jahreswechsel 1944/45 in die deutschen Kinos kam. Zu einer Zeit also, als die eingangs erwähnte Idylle in keiner deutschen Großstadt mehr vorhanden war und in der ein Titel wie „Opfergang“ neben der gemeinten melodramatischen Bedeutung auch eine definitiv politische Bedeutung im Sinne einer Aufforderung besaß.

61fve-95dhl-_sl1000_Auf dieses Hindurchschimmern des Faktischen und die vielfältigen Überlagerungen, Bezugnahmen und Verschlingungen zwischen Kunstwerk und Lebenswelt stößt man in „Opfergang“ immer wieder auf verschiedenste Weise. Obwohl dies dem zeitlichen Abstand zu dem Film und dem historischen Wissen um seine Entstehung zu verdanken ist, stellt sich doch unwillkürlich immer wieder die Frage ein, ob die damaligen Zuschauer dies in ähnlicher Weise empfunden haben dürften.

Neben der Unversehrtheit der abgebildeten Lebenswelt ist auch deren Einordnung höchst interessant – obwohl offensichtlich in der näheren damaligen Gegenwart eingeordnet (ersichtlich etwa an den Autos, die dort gefahren werden), ist der filmische Raum, den Harlan durchmisst, ein neutraler: Niemals sind die sonst allgegenwärtigen Hakenkreuzfahnen zu sehen, im Straßenbild taucht niemals eine Uniform auf und auch sonst finden sich filmisch keinerlei Hinweise auf den Krieg oder das gesellschaftliche und politische Umfeld der Protagonisten. Vielmehr fühlt man sich eher an die Zeit vor dem Dritten Reich erinnert, die Geschichte spielt im großbürgerlichen Milieu Hamburger Senatoren und Kaufleute, die sich gerne zur nachmittäglichen Nietzsche-Lektüre im verdunkelten Salon versammeln.

Der Kaufmann Albrecht Froben (Carl Raddatz) ist ein lebensfroher Mann im besten Alter, der nach einer ausführlichen Reise nach Hamburg zurückkehrt und sich dort auf Brautschau begibt, bis er durch Hinweis seines Freundes Matthias die Senatorentochter Octavia (Irene von Meyendorff) kennenlernt, die zwar ein wenig langweilig ist, aber definitiv eine gute Partie darstellt. Allerdings lernt er dort in dem noblen Anwesen an der Elbe auch die Nachbarin kennen, die ungeheuer sinnliche und vor Temperament und Leidenschaft sprühende Finnin Äls Flodéen (Kristina Söderbaum), die allerdings, was Albrecht zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt, an einer tödlichen Krankheit leidet und zudem ein Kind hat, das bei einer Pflegemutter lebt. Immer wieder versucht Albrecht, sich aus der Zerrissenheit zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Frauen zu befreien, doch dies wird erst durch den Tod von Äls gelingen, nachdem deren Geliebter zuvor das Töchterlein vor einer Typhus-Epidemie in Sicherheit bringt und sich selbst dabei infiziert. Dies ist freilich nicht der einzige „Opfergang“ in diesem morbid-süßlichen Film voller Schwulst und geraunter Todesahnungen: Weil der eigene untreue Ehemann vom Fieber so ermattet ist, setzt sich dessen Ehefrau höchstselbst aufs Ross und erbringt der sterbenden Nebenbuhlerin den verabredeten abendlichen Gruß.

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Das ist natürlich ungeheuer schwülstig und überhaupt spart Veit Harlan nicht an Todesmetaphern – vom Nietzscheschen Gedicht über die Uhr mit der Aufschrift „Eine dieser Stunden wird deine letzte sein“ bis hin zur am Schluss am Elbstrand vom Wasser umspülten roten Rose – der Film lässt an schwelgerischer bis kitschiger Symbolik kaum eine Deutlichkeit aus. Alles hier atmet die schwerdrückende Luft der bis ins Exzessive getriebenen Verbindung von Eros und Thanatos und Dialogsätze wie „Wir lieben uns, mein Freund. Und es wird schlimm werden. Schlimm!“ wirken heute beinahe schon komisch. Harlan aber meint all das völlig ernst und erweist sich an mehr als einer Stelle als Impulsgeber für Filme wie Hitchcocks „Vertigo“, den „Opfergang“ an einer Stelle überdeutlich vorweg nimmt.

So viel Selbstaufgabe und süße Todesbereitschaft müsste eigentlich das Entzücken des Reichspropagandaministers gefunden haben, der aber erhob schwere moralische Bedenken wegen der dort gezeigten Dreiecksbeziehung. „Goebbels erklärte uns“, so Harlan später in seinem Memoiren, „daß ‚zig tausend‘ Soldaten an der Front desertierten, weil sie von der Angst geplagt seien, ihre Frauen betrögen sie zu Hause. Wenn nun ein Film, in dem der Betrug glorifiziert würde, vor den Soldaten erschiene, würden die Angstphantasien anfälliger Menschen nur noch genährt.“ Und überhaupt, so der oberste Filmexperte des Dritten Reiches, sei der Film sowieso nicht zu retten.

Das freilich wird inzwischen ernsthaft bestritten: Auf einer Liste der 100 besten Filme aller Zeiten, herausgegeben vom „Spiegel“anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Kinos landete „Opfergang“ auf Platz 6. Und Dominik Graf bekennt im Booklet zu der überaus sehenswerten Neuedition, der eine aufwändige und schwierige Restaurierung vorausging, nahezu schwärmerisch: „Ich habe den Film immer geliebt.“

Diese Ansicht muss man nicht teilen, die überbordende Sentimentalität wirkt mitunter selbst auf romantische Seele als ermüdend und erdrückend. Aber gerade vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Entstehung ist diese Neuauflage des Films an filmhistorischer Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Joachim Kurz

„Opfergang“ – Deutschland 1944. Regie: Veit Harlan. Buch: Alfred Braun, Veit Harlan, Hans Radtke. Kamera: Bruno Mondi. T: 4:3 – 1,33:1. BildformMusik: Hans-Otto Borgmann. Mit: Carl Raddatz, Kristina Söderbaum, Irene von Meyendorff, Franz Schafheitlin, Ernst Stahl-Nachbaur. Länge: 93 Min. Ton/ Sprache: deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono). Extras: Booklet, alternative Fassung des Film (unrestauriert, 93 Min.). FSK: frei ab 6 Jahren. DVD erschienen bei Concorde Video.

Joachim Kurz ist Herausgeber von Kino-Zeit.de, bei der Sie auch unsere Autorin Sonja Hartl wiedertreffen. Kino-Zeit.de ist Deutschland führendes Internetmagazin für das Arthaus- und Independent-Kino, dies mit einem wachen Auge auch für Filmfestivals und für Werke, die herausragen. Sie können sich dort auch einfach das Kinoprogramm Ihrer Stadt/Ihres Ortes anzeigen lassen. Mit Links und zusätzlichen Informationen und ordentlichen Filmkritiken anstelle von PR-Texten.
Siehe auch im CrimeMag September 2016 Katrin Doerksens Kritik zu: „Die Tragödie der Belladonna“.

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