Posted On 15. Mai 2017 By In Crimemag, Film/Fernsehen With 521 Views

Film: Berlin Syndrome

berlin

Niemand kann Dich hören

Von Sonja Hartl

Schon den ersten Bildern von „Berlin Syndrome“ unterliegt eine Anspannung, eine ungute Ahnung dessen, was kommen wird. Es scheint als wüssten die Kamera von Germain McMicking und die Musik von Byrony Marks mehr. Dabei sind es im Grunde genommen alltägliche Szenen, die sich auf der Leinwand abspielen. Die australische Backpackerin Clare (Teresa Palmer) ist gerade in Berlin angekommen, sie steigt in einem Hostel am Kottbusser Tor inmitten von Kreuzberg ab und trifft in einer ersten schlaflosen Nacht auf eine Gruppe auf dem Dach. Sie schließt sich ihnen an, sie trinken, rauchen. Doch am nächsten Morgen ist Clare wieder alleine. Sie zieht durch die Straßen von Kreuzberg mit ihrer Kamera; von ihr geht eine leise Einsamkeit, eine Verlorenheit aus, als suche sie nicht nur nach Motiven, sondern auch nach ihrem Platz in dieser Stadt, in diesem Leben. Dann wird sie an einer Straßenecke von Andi (Max Riemelt) angerempelt. Sofort verstehen sie sich, er erzählt von Erdbeeren und Schrebergärten, sie von ihrem Interesse für DDR-Architektur. Clare genießt die Nähe zu einem anderen Menschen, sie verbringen einen schönen Tag miteinander, doch abends hat Andi keine Zeit mehr und am nächsten Tag will Clare eigentlich nach Dresden fahren. Damit könnte diese Begegnung enden und man ahnt, es wäre besser für Clare. Aber sie bleibt in Berlin, sie sucht nach Andi und entdeckt ihn schließlich in einem Buchladen, in dem sie Tage zuvor auch war. Er blättert sogar im selben Bildband, den sie sich angesehen hatte. Also geht Clare von hinten an Andi heran und ihre Hände verhaken sich ineinander.

Diese Geste wird im Folgenden immer wieder zu sehen sein. Sie suggeriert ein Bedürfnis nach Nähe, nach Halt – und könnte den Anfang einer Liebesgeschichte symbolisieren, wie sie schon oft erzählt wurde: die Touristin und der einheimische Englischlehrer finden miteinander die große Liebe ihres Lebens. Doch es fehlen die inszenatorischen Hinweise auf einen romantischen Film – und da ist diese Kamera, die zeigt, wie Andi die Türen seines Autos verriegelt, als er mit Clare auf dem Weg in seine Wohnung ist. Die das verlassene Gebäude einfasst, in dem seine Wohnung liegt, den Weg ins Hinterhaus, den deutlichen Hinweis auf die klemmende Zwischentür. In der Wohnung kommt es zum Sex; Clares berlin1Leidenschaft setzt Andi Kontrolle entgegen, sie scheint jede Berührung in sich aufzusaugen. Niemand könne sie hören, versichert er ihr, als sie glaubt, ihre Lust allzu laut herauszuschreien. Niemand sei in der Nähe. Sie genießt das Zusammensein – und wieder ist da diese Kamera, die bei einer Einstellung von Clares Hintern ein Begehren suggeriert, das beängstigend wirkt. Am nächsten Morgen ist Andi dann zur Arbeit gegangen, auch Clare will sich auf den Weg machen. Doch Andi hat die Wohnung verschlossen. Ein Versehen, könnte man meinen. Manche Routinen laufen wie von selbst ab, wenn man morgens übermüdet das Haus verlässt. Aber auch die Fenster lassen sich nicht öffnen. Also wartet Clare auf Andi, er entschuldigt sich, sagt, sie könne nun gehen. Aber Clare bleibt, sie verbringen eine zweite Nacht miteinander. Und irgendwann im Laufe dieser Zeit sagt sie, sie würde gerne für immer bleiben. Andi nimmt sie beim Worte, er schließt sie ein, in dieser Wohnung, in berlinder sie niemand hören kann – und Clare weiß, dass er es ernst meint. Hat er doch „Meine“ auf ihre Schultern geschrieben.

Die Australierin Cate Shortland hat mit „Berlin Syndrome“ einen Thriller gedreht, in dem die Bedrohung permanent spürbar ist und sich fast körperlich auf einen überträgt. Das erreicht sie aber nicht mit Grausamkeiten, sondern mit einem sehr genauen Gespür für Details, Unsicherheiten und zwischenmenschliche Beziehungen. Anfangs wehrt sich Clare gegen die Gefangenschaft, sie geht körperlich gegen Andi vor, versucht, die Fenster einzuschlagen. Daraufhin wird Andi sauer, schließlich waren sie teuer. Für Andi scheint diese Situation Normalität zu sein, er geht weiter zur Schule, um zu unterrichten, besucht seinen Vater, einen Professor für Literatur, der die DDR nicht als reinen Unrechtsstaat sieht. Dieser Außenwelt steht im klaren Kontrast zu der abgeriegelten Wohnung, in der Clare nicht mehr um Hilfe schreit. Sie ist passiv, dann fügt sie sich in ihre Situation. Damit scheint Andi seinem Ziel einer perfekten Beziehung näher, er will die vollkommene Kontrolle, den vollständigen Besitz einer perfekten Freundin.

51aTd4KY6HL._SX325_BO1,204,203,200_Seine Kontrolliertheit, seine Überzeugung, dass Clare die perfekte Freundin sein könnte, wenn sie sich nur Mühe geben würde, sind beängstigend. Die Einstellungen, in denen Andi Clare schlägt, sind weitaus weniger furchteinflößend als die, in denen er ihr die Fingernägel schneidet. Hier wird ein fürsorglicher Akt der Intimität pervertiert, weil Andi bedrohlich ist. Schließlich stellt sich die Frage, wie lange er Clare noch perfekt findet. Sie weiß, dass es vor ihr wenigstens eine andere Frau gab. Und die Kamera fängt ein, wie sich Andis Faszination für Clare verändert. Einst reichte ihr bloßer Hintern, um sein Begehren zu wecken, bald braucht er Reizwäsche, immer verdrehtere Posen, Fesselung und Erniedrigung. Es scheint eine Frage der Zeit, bis er ihrer überdrüssig wird. Zumal er in der Außenwelt vielleicht schon eine andere Frau gesehen hat.

Am Ende dieses klaustrophischen Thrillers wird es dann keine Gewinner geben, nur einen kurzen Moment des Triumphes, dem schnell eine schale Ernüchterung folgt.

Sonja Hartl

Der Film startet am 25. Mai und ist eine Verfilmung von: Melanie Joosten: Berlin Syndrome. Scribe Publications 2012. 248 Seiten, ca. 9,99 Euro.

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