Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Felix Hofmann: Wir und die Geheimdienste

Wir Alphabetiere  Wir Nichtversteher

     ‚Machtspiele‘. So der Titel eines sich Thriller nennenden Kriminalromans aus Frankreich, im Original, ‚La Vie Duraille‘, 1985 in Paris und 1990 auf Deutsch erschienen. Das Autorentrio, ein Zusammenschluß aus drei Gefeierten der damaligen Szene: Daniel Pennac / Jean-Bernard Pouy / Patrick Raynal. Gleich zu Beginn laden sie sich einen weiteren Gefeiertern ein, Godard, mit einem Zitat aus ‚Die Außenseiterbande‘, um ihnen das Motto zu liefern.

     Der Roman wurde vom deutschen Verlag folgendermaßen angepriesen: »In Frankreich tobt  der Krieg der Geheimdienste. (…) Selten bestach ein Roman aus dem Geheimdienstmilieu durch solche individuelle stilistische Präsenz, Tempo, Witz und Selbstironie. Mit ‚Machtspiele‘ entstellen die Autoren die Realität bis zur Kenntlichkeit und verleihen dem Irrwitz der Wirklichkeit eine beängstigende Transparenz.«

     Realität also, und dann kommt auch noch Wirklichkeit dazu. Und alles bestechend präsent und beängstigend transparent. Ich kann hier versichern: der Roman ist besser als sein Reklametext. So war es im Kriminalromangeschäft damals oft; heute fast ausnahmslos umgekehrt.

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     Bei soviel Irrwitz, Aufklärung und Gegenwind muß man sich fragen, wieso all diese ominöse Überwachungsstaatsdienereikriminalität – zu jener Zeit noch mitfühlend „Geheimdienstmilieu“ genannt – so total und totalitär werden konnte, wie sie es heute ist? Wahrscheinlich wegen des enormen Tempos der Selbstironie.

     Gemessen am heutigen Stand der Technikverhärtung und aktuellen Grad der Hirnerweichung  – waren das nicht herrlich idyllische Zeiten? Und haben wir sie nicht – mal in der Toscana, mal in der Provence, mal an der Costa Brava oder auch in Berlin – im unschuldigen Schlaf der Einfalt verplempert? Und zwar, wie gehabt, weil wir davon ausgingen, uns das leisten zu können? Und haben wir nicht, genaugenommen, bis heute durchgeschlafen?

     Aber das oben genannte Buch ist gut genug, um es nicht sterben zu lassen. Wo es bei Adorno noch hochphilosophisch hieß: Das Ganze ist das Falsche – ist man hier um einiges weltlicher und deutlicher: »Das Ganze stinkt. (…) Was machst du eigentlich bei der Sache? All diese Bullen, diese Geheimdienstler. (…) Das ist kein Rock’n’Roll mehr, das ist Operette.«

     Man kann sagen: dies ist die griffige Kurzfassung der Sache. Wahrscheinlich deshalb ist soviel Kenntlichkeit unterwegs in diesem Thriller, und die Überlegung, die das beendet, lautet: »Im Endeffekt gibt es vielleicht überhaupt nichts zu verstehen.« Das wiederum ist kein Adorno-Satz, könnte aber von Beckett sein, nur daß er das auf Übertreibung getrimmte Substantiv Endeffekt nicht verwenden würde, aber beim Rest des Satzes wäre er dabei. Vielleicht sogar in Erweiterung seines berühmten Fortschrittswunsches, nicht nur das Scheitern zu verbessern sondern auch das Nichtverstehen.

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     Dem Eingeständnis des Nichtverstehens liegt eine erstaunliche Ehrlichkeit zugrunde, die nur sehr wenigen aus der Spezies der denkenden Wesen eigen ist. Ich denke, daß der Widerstand gegen dies Eingeständnis zunächst zur Erfindung aller Religionen geführt hat, dann zur Erfindung aller Wissenschaften. Letztere wiederum helfen den Geheimdiensten, wie und wo sie nur können.

     Insgeheim ist das Nichtverstehen allumfassend. Um aus dem Mangel eine Tugend zu machen, und nicht zuletzt eine Machtposition zu installieren, erfindet man ein übergeordnetes, allwissendes und allmächtiges Supra-Wesen, später dann noch, als Ergänzung oder als Alternative dazu, ein übergeordnetes, allwissendes und allmächtiges Supra-System, denen wir unser Nichtverstehen zu treuen Händen geben. Seitdem müssen wir uns nicht mehr darum kümmern. Wir belassen es einfach bei vegetativen Reaktionen auf die Zumutungen der Smart-Systeme. Wie immer. Früher unterwürfig zugunsten der Religionen, dann unterwürfig zugunsten der Wissenschaften, heute unterwürfig zugunsten der Technik. Und es führt immer und immer wieder zu den schönsten und nachhaltigsten Kriegen, mal unter dem Primat der organisierten Religionen, mal unter dem Primat der organisierten Wissenschaften, und heute, morgen und übermorgen unter dem Primat des organisierten Digitalismus.

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     Ich brauche all diese Endeffekte, aber auch die Anfangsimpulse. Am Anfang und am Ende von etwas, das waren immer genau die Zeiten, in denen es sich am besten leben ließ. Am besten heißt: am wenigsten langweilig. Heute nicht mehr, denn genau so – im Endeffekt – wollten sie uns haben, die in den Totalpolizeivereinen mit Namen Abschirmdienst, Verfassungsschutz, Spionageabwehr arbeiten. Und genauso ist es gekommen. Eine Kleinigkeit hat sich allerdings verändert – wir sind zu doof, das Grundprinzip der Digitalisierung zu kapieren: es gibt keine nachprüfbare Realität mehr, alles ist der Fiktionalisierung ausgeliefert; Wahrheit und Lüge sind nicht mehr die unvereinbaren Gegenpositionen wie bisher sondern Ableitungen aus der Fiktionalisierung alles Realen. Wenn alles in Zahlenreihen verwandelt ist, sind Original und Fälschung nicht mehr unterscheidbar, weil alle einst verwendeten und deshalb analysierbaren Materialien getilgt sind und von Nullen und Einsen repräsentiert werden. Es gibt keine Sicherheit, alles ist hackbar. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder ein Trottel oder ein Profiteur der Behauptung, es gäbe Sicherheit. Geheimdienste, um zum Roman zurückzukehren, verstehen unter Sicherheit: Überwachung. Zudem gehört die heutige technische Handhabung des Ausschnüffelns, Bespitzelns und Gängelns zu den einträglichsten und deshalb beliebtesten Geschäften unserer Zeit. Wenn man es einfach nur Kommunikation nennt, ist es auch noch weitgehend steuerbefreit.

     Damit erübrigt sich die Frage, ob wir zu wenig oder zuviel gelesen haben. Wir haben schlicht mal wieder die falschen Bücher gelesen. Wie immer. Und in Zukunft werden wir, die einzigen Alphabetiere auf diesem Planeten, ohnehin vom Lesen ferngehalten. Der oben genannte Roman ist nicht veraltet, wenn man was über die Denkautomatismen der Geheimdienste erfahren will, aber vollkommen überflüssig, wenn man sich der neuesten Technik von Überwachung und Steuerung unbedingt beugen will; und da machen alle mit. Heute, zur besseren Handhabung von Tablets und Mob-Telefonen, schlafen wir im Stehen – bis zum Hals in diesem lukrativen Endeffekt. Es ist weder Rock’n’Roll noch Operette. Es ist eine Blamage. Und ganz unsere. Die sich selber korrigierende Vernunft, die sich auf ihre innersten Bestandteile Wachsamkeit und Vorstellungskraft verlassen konnte, ist nicht mehr gefragt. Vielleicht sollte man, der besseren Erträglichkeit wegen, dies ganze steuerbefreite Kommunikations- und Vernetzungsding  kurzerhand umdefinieren. Die bestens organisierte und in schöner Gleichzeitigkeit einander wundersam ergänzende privatwirtschaftliche und staatliche Komplettgängelung der von dieser Herrschaftsform höchst begeisterten Bevölkerung ist: Demokratie im Vollrausch ihrer Selbstironie.

© 2021, Felix Hofmann

Ein überarbeiteter Beitrag aus „Die Frist – Journal für chronisches Denken„, das Felix Hofmann seit Jahresbeginn bei www.getidan.de führt.

Als es sie gab, hat Felix Hofmann für die Zeitschrift Filmkritik gearbeitet und sich im Sommer als Zimmermann Geld verdient, das erlaubte ihm zum Beispiel die Freiheit einer Biographie von Peter Lorre: „Portrait des Schauspielers auf der Flucht

Zusammen mit Ingrid Mylo hat er das „100-Tagebuch. Documenta (13)“ geschrieben, tatsächlich einhundert Tage lang jeden Tag auf dieser Kunstausstellung. CulturMag-Besprechung hier.
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Sein Essay über die Unfehlbarkeit erschien bei uns im Oktober 2018.
Das Planetenspiel – Eine Intervention erschien im Dezember 2019.
Die USA — Europas Märchenland im Dezember 2020.
Notizen zu Leonardo Sciascia im Februar 2021.

Sein Gelegenheitsjournal Aufmerksamkeit & Entrümpelung hier.