Geschrieben am 3. Oktober 2022 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

Roman aus Malaysia: Das Schweigen überwinden

Sonja Hart über Chuah Guat Engs „Echos der Stille“

Es ist eine klassische Krimi-Ausgangssituation in Chuah Guat Engs „Echos der Stille“. In den 1970er Jahren lernen sich Ich-Erzählerin Ai Lian und Michael Templeton in München kennen, verlieben sich ineinander und geraten gemeinsam in einen Mordfall, der nie aufgeklärt wird. 20 Jahre später stirbt Michael – und Ai Lian will endlich herauszufinden, was damals passiert ist.

Dieser Mordfall und Ai Lians Wahrheitssuche sind nur die Aufhänger, die vertrauten Komponenten, um die Geschichte Malaysias zu erzählen. Sowohl Ai Lian als auch Michael wurde in Malaysia geboren. Ai Lians Familie stammt aus China, der zehn Jahre ältere Michael ist der Sohn eines englischen Plantagenbesitzers und fühlt sich im Gegensatz zu Ai Lian seinem Geburtsort eng verbunden.

Bei ihrer Wahrheitssuche taucht Ai Lian nun tief ein in die Geschichte Malaysias: in die Zeit als britische Kolonie, der japanischen Besatzung in den 1940er Jahren und des kommunistischen Widerstands dagegen, der blutigen Unruhen gegen chinesischstämmige Malaysier in den 1960er Jahren. Jede neue Information verändert das Bild der damaligen Ereignisse – und der beteiligten Figuren. Denn Chauh Guat Eng erzählt auch davon, wie sich Geschichte in Leben einschreibt. Nicht nur ihrer Hauptfiguren, sondern auch der vielen Nebenfiguren, die wunderbare, nachdrückliche Szenen bekommen.

Als der Mord geschehen ist, waren Ai Lian und Michael gemeinsam auf der Plantage seines Vaters in Ulu Banir. Es ist nicht der erste Mord, der dort stattfindet. In den 1940er Jahren wurde die erste Ehefrau von Michaels Vaters ebenfalls erschossen. Das ist Teil eines interessanten Spiels der Dopplungen. Es gibt zwei Morde, zwei potentielle Tatwaffen, zwei tote Frauen, zwei junge Männer, die füreinander „wie Brüder“ sind, zwei Menschen, die im selben Land geboren und doch so unterschiedliche Leben und Sichtweisen haben. Chuah Guat Eng ist sich dieser Dopplungen bewusst, an einer Stelle lässt sie Ai Lian denken „Nicht schon wieder zweimal das Gleiche. Zwei Morde, zwei leergeschossene Magazine, zweimal rennende Füße und jetzt zwei Waffen. Das Ganze wurde zur Farce.“

Diese feine Ironie und das Bewusstsein für die erzählerische Manipulation zeichnen diesen Roman aus. Alle Figuren verbindet eine Unfähigkeit zur Kommunikation – die wichtigsten Dinge bleiben zu lange ungesagt. Letztlich wird Ai Lian herausfinden, wer für die Morde verantwortlich ist, eine große Überraschung ist es nicht. Aber es ist nicht diese eine Wahrheit, die „Echos der Stille“ so spannend macht. Es sind vielmehr die geschickt angelegten und elegant erzählten Lebensgeschichten, Szenen und Geheimnisse, denen bei der Wahrheitssuche nachgegangen wird – und die so viel über das Land erzählen.

Chuah Guat Eng: Echos der Stille. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. Wunderhorn 2022. 464 Seiten, 28 Euro.

Tags : , ,