Posted On 15. Februar 2016 By In Crimemag, News With 2127 Views

Bloody Chops: Februar 2016

Bloody Chops: Februar 2016

Heute am Hackklotz: Katja Bohnet (kb), Joachim Feldmann (JF), Alf Mayer (AM), Peter Münder (PM) und Frank Rumpel (rum). Unter ihrem Beil: Wilfried Kaute (Hg.) („Wenn es Nacht wird“), Paul Duncan („Das James Bond Archiv“), Uta-Maria Heim („Heimstadt muss sterben“), Max Bronski („Mad Dog Boogie“), Ray Banks („Saturday‘s Child“), S. Freytag: („Goodbye Ruby Tuesday“), Daniel Woodrell („Tomatenrot“), Anja Conzett („Lohndumping“), Samuel Fuller („Brainquake“), Robert B. Parker („Spenser und das gestohlene Manuskript“), Ed McBain („Cut Me In“), Iceberg Slim („Shetani’s Sister“), Ross Thomas („Porkchoppers“), Gregor Weber („Stadt der verschwundenen Köche“), Steffen Jacobsen („Bestrafung“), Hansjörg Schneider („Hunkelers Geheimnis“).

chop_Wenn-es-Nacht-wirdTatort-Fotografien

(AM) Viele der in diesem erstaunlichen Band in bester Qualität abgedruckten Bilder waren nie für die Öffentlichkeit bestimmt. Es sind Fotografien aus dem New Yorker Polizeiarchiv, aus der Kollektion der „NYPD & Criminal Prosecution“, eine der weltweit größten Fotosammlungen zur Kriminalistik. Der Kölner Dokumentarfilmer und Grimme-Preisträger Wilfried Kaute hat sie ausgewählt und – dies als einen besonderen Teil seiner Recherche – zu einem gut Teil mit den zugehörigen historischen Zeitungsartikeln verknüpft. So etwa mit einem Bericht aus der „Sun“ vom 29. Dezember 1917, nach dem die Polizei vier Kisten mit über 1100 Pistolen und Revolvern, allesamt Tatwaffen, auf offener See versenkt hat. Zu einem Foto zweier toter Männer einem Fahrstuhlschacht enthält der Artikel „Einbruch endet mit doppeltem Todessturz“ die Hintergründe.

Die Texte sind in der historischen Diktion belassen, immer wieder gibt es Seiten mit Stadtpanoramen oder Straßenansichten. So entsteht tatsächlich ein Stadtporträt der besonderen Art, der sehr dunklen. Zartbesaitete seien gewarnt. Insgesamt ist der Band eine verlegerisch beachtliche Tat, auch wenn jeglicher Hinweis auf Luc Sante fehlt, der a) die New Yorker Glasplattensammlung auffand und vor Vernichtung bewahrte, b) weltweit kundigste Experte für diese Art von Tatortfotografien ist, und c) bereits 1992 in seinem Buch „Evidence“ dazu Wegweisendes niederschrieb und versammelte.

Die Ergänzung zu Kautes angenehm ruhigem Buch wäre die 2015 erschienene, von James Ellroy wild-wüst-poetisch kommentierte Sammlung von Polizeifotografien aus Los Angeles, „LAPD ‘53“. Die CrimeMag-Besprechung hierzu enthält eine Würdigung von Luc Sante, Weiterführendes zum Thema sowie eine Literaturliste.

Wilfried Kaute (Hg.): Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York 1910-1920. Mit einer Einführung von Joe Bausch. Bildband mit ca. 200 Schwarz-Weiß-Fotografien. Gebunden, Format 24 x 30 cm. Emons Verlag, Köln 2016. 240 Seiten, 39,95 Euro. Verlagsinformationen zum Buch hier.

chop_james bond archivegEine Goldgrube wie Fort Knox

(AM) Als der Filmexperte Paul Duncan sein Job-Interview bei Benedikt Taschen hatte, sagte der: „Ich wollte immer schon ein großes Bond-Buch machen.“ Nun, gut Ding braucht eine Weile, aber zum 50. Jubiläum der Bond-Filme war es da. Ein XXL-Trumm von Buch, die Mutter aller Bond-Bücher, seinen Preis gewiss mehr als wert, aber eben 150 Euro teuer. Nun gibt es davon eine Volksausgabe, der Preis ein Scherz angesichts der Beute, und sogar um den jüngsten 007-Film ergänzt, um „Spectre“ (von 2015).

Paul Duncan hat – wie etwa auch in seinem fulminanten Chaplin-Buch (CM-Besprechung hier) und wohl nur bei einem Verlag wie Taschen möglich – eine Oral-History-Methode entwickelt, die man „konzertantes Filmbuch“ nennen könnte. Nicht ein einziger Autor, der uns von einem Film erzählt und wie immer sublim seine Interpretation überstülpt, sondern ein Chor aus 150 Stimmen, der uns die Bond-Filme und ihre Entstehung in einer unglaublichen Detailfülle und Anschaulichkeit näher bringt. Insider-Geschichten von Menschen, die dabei waren: Produzenten, Regisseure, Schauspieler, Drehbuchautoren, Ausstatter, Tricktechniker, Stuntmen und andere Crewmitglieder, dazu über 1.100 Bilder, darunter zahlreiche bisher unveröffentlichte Stand- und Setfotos, Aktennotizen, Dokumente, Storyboards, Modelle und Plakate, nicht realisierte Ideen und Alternativentwürfe. Eine Goldgrube wie Fort Knox. Ein Film wie „Thunderball“ etwa hat 26 Seiten und 51 Abbildungen. Der oft beiseitegelegte Spoof „Casino Royale“ von 1967, in dem 007 von David Niven, Daliah Lavi, Woody Allen, Ursula Andress und Peter Sellers verkörpert wurde und Orson Welles den le Chiffre gab, findet breite Würdigung. Für Regisseur John Huston war der Film eine Gaudi vom Anfang bis zum Ende: „I never had so much fun in my life as making this high burlesque for the screen.“ Eines der zahlreichen Schmankerl: das vollständige Playboy-Interview mit Ian Fleming vom Dezember 1964. Fleming sagt darin den schönen Satz, einen seiner Kritiker auf die Matte legend: „Es besteht kein Zweifel daran, dass ich – und sogar Anthony Boucher – besser schreiben sollte. Es gibt keine Obergrenze für gutes Schreiben.“

Paul Duncan: Das James Bond Archiv. SPECTRE Edition. Englische Ausgabe mit 132-seitigem deutschem Textheft. Verlag Taschen, Köln 2015. Hardcover, Format 41,1 x 30 cm, 600 Seiten. 49,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch hier.

KLM_161B_LAY_Heim.inddNeckar-Guerilla

(rum) Furios ist Uta-Maria Heims neuer Roman, der da in Tübingen und im fiktiven Heimstadt am Neckar nahe Rottweil angesiedelt ist, wo die Waffenschmiede Maurer & Beck sitzt. Wer da an Heckler & Koch aus Oberndorf denkt liegt richtig, zumal auch in Heims Roman illegale Waffenlieferungen nach Mexiko eine Rolle spielen. Außerdem geht es (unter anderem und oft eher nebenbei) um die Verbandelung einer Region mit einem finanziell potenten Unternehmen, die Überwachung durch die Geheimdienste, ein Leben ohne Internet, die Regionalkrimiauswüchse und nicht zuletzt die Frage, was Heimat sein könnte, was Identität und was denn Literatur da ausrichten kann.

Im Zentrum steht der Verleger Graf, den das schlechte Gewissen plagt, weil er seit Jahren seine Kompagnons, vor allem aber das Finanzamt hintergeht, indem er fast sein gesamtes Verlagsprogramm samt Autoren erfindet. Und dieser Graf bekommt einen Speicherstick zugespielt, der von einem verschiedenen Maurer & Beck-Geschäftsführer stammen soll. Darauf findet sich ein geschwätziger Regionalkrimi, der nicht von der Stelle kommt und den Graf veröffentlichen soll. Aus dem einen Stick werden bald drei. Einer enthält Daten über die Geschäftsbeziehungen der Waffenschmiede, ein weiterer einen Computervirus. Und mitten drin ist ein Klüngel aus älteren Honoratioren, die meinen, den Lauf der Dinge aufhalten oder zumindest in ihrem Sinne gestalten zu können.

Eine wilde Geschichte also, die sich da entwickelt, eine Geschichte, die so wendig wie weitschweifig erzählt und bis in die hintersten Verästelungen spitz formuliert ist. Ein durch und durch skeptischer, beherzt schräger, tief in die schwäbische Seele blickender Heimatroman ist es, sprachlich klar verortet, komplex und verspielt gleichermaßen, angereichert mit jeder Menge, in Fußnoten gepackten Verweisen, Ergänzungen und Kommentaren und ausgestattet mit einem  ziemlich stachligen Humor, der vor gar nichts haltmacht. Großartig.

Uta-Maria Heim: Heimstadt muss sterben. Klöpfer & Meyer, Tübingen 2016. 360 Seiten, 22 Euro.

chop Mad Dog0_Überfrachtet

(JF) Alex Dunbar war in den frühen Siebzigern der kreative Kopf einer erfolgreichen Rockband, doch daran kann er sich nicht erinnern. Seit Jahrzehnten befindet sich der Ausnahmegitarrist in psychiatrischer Behandlung, zunächst in einer geschlossenen Anstalt und dann freiwillig in einem exklusiven Therapiezentrum. Denn Alex Dunbar ist ein Mörder. Davon war zumindest das Gericht überzeugt, auch wenn es  ihn aufgrund eines „psychischen Ausnahmezustands“ für schuldunfähig erklärte.

Doch dem freundlichen, dicken Mann mit den langen grauen Haaren und dem regenbogenfarbenen Pillbox Hut ist Unrecht geschehen. Ein Schlag auf den Kopf weckt die im Drogennebel verschwunden geglaubte Erinnerung. Und das gefällt manchem, der damals dabei war, ganz und gar nicht. Denn die Wahrheit ist gefährlich.

Leider präsentiert Max Bronski, bekannt durch seine großartigen Krimis um den Münchner Trödelhändler und Amateurermittler Gossec, diese böse Geschichte auf erschreckend harmlose Weise. Popkulturelle Reminiszenzen, Anekdoten aus der therapeutischen Praxis und Erkenntnisse der Gedächtnisforschung überfrachten Dialoge wie Erzählpassagen und lassen dem ohnehin ziemlich müden Plot keine Chance. Da kann selbst ein Auftragskiller mit Motorrad, der zweimal mordend in Erscheinung tritt, nicht mehr viel ausrichten. Schade!

Max Bronski:  Mad Dog Boogie. Kriminalroman. Kunstmann, München 2016. 207 Seiten, 14,95 Euro.

chop ray banks saturdayKein gutes Ende

(JF) Rob Stokes ist abgehauen, mit einem Bündel Scheine in der Tasche und der sechzehnjährigen Alison im Schlepptau. Das gehört sich ganz und gar nicht, findet sein früherer Boss Morris Tiernan, eine lokale Gangstergröße im Norden Manchesters. Denn ihm gehört das Geld, und Alison ist seine Tochter. Cal Innes soll die beiden Flüchtigen aufspüren. Frisch aus dem Knast versucht sich der notorische Pechvogel als Privatschnüffler ohne Lizenz. Das kann nur schiefgehen, zumal Tiernans psychopathischer Sohn Mo und seine Schlägertruppe Innes auf Schritt und Tritt überwachen. Der selbst nach Gangsterstandards missratene Sprössling hat seine ganz persönlichen Motive, Alison aufzuspüren.

Virtuos und mit einer gehörigen Portion Sarkasmus variiert der schottische Autor Ray Banks Motive des klassischen Privatdetektivromans amerikanischer Prägung. „Saturday’s Child“, der erste Band einer Tetralogie um den glücklosen Ermittler Cal Innes, ist Genre-Travestie und Hommage zugleich, eine böse Verlierergeschichte in nordenglischem Grau. Banks lässt seine beiden Antagonisten abwechselnd erzählen, Cal in leicht hektischem Präsens, Mo in einem slanggetränkten Präteritum. Kein leichter Job für Übersetzer, aber Robert Brack, selbst Kriminalschriftsteller von Rang, hat das finstere Kleinod stilsicher ins Deutsche gebracht.

Wer auf ein gutes Ende Wert legt, liest diesen Roman vergebens. „Ein Deal mit dem Teufel ist besser als überhaupt kein Deal“, resümiert Cal Innes im letzten Satz seine Lage. Man darf auf die drei Folgebände gespannt sein.

Ray Banks: Saturday‘s Child. Kriminalroman. (Saturday’s Child, 2006). Aus dem Englischen von Robert Brack. 296 Seiten. Hamburg: Polar Verlag 2016. € 14,90.

chop_rubyGuCLBitterer Abgesang

(JF) Der Sommer der Liebe begann am 14. Januar 1967 mit einer Open Air-Party im Golden Gate Park in San Francisco und erreichte seinen Höhepunkt im Juni des Jahres, als sich um die 100.000 junge Menschen aus ganz Amerika, angelockt von den Versprechungen der Gegenkultur, im Stadtbezirk Haight Ashbury einfanden. Zeitgleich wurde Scott McKenzies Schnulze „San Francisco“ zum weltweiten Hit. Doch nicht jeder, der Blumen im Haar trug, hatte Frieden und Freiheit im Sinn. „Hübsches 16-jähriges Mittelschicht-Hühnchen kommt nach Haight, um da mal auszuchecken & gerät an einen 17-jährigen Straßendealer, der sie den ganzen Tag mit Speed vollpumpt, ihr dann 3.000 Mikrogramm Acid gibt und ihren vorübergehend stillgelegten Körper zum größten Haight-Street-Gang-Band seit vorgestern Nacht schleift“, warnte ein gehaltenes Flugblatt am 16. April 1967. Das klingt wie Establishment-Propaganda im zeitgenössischen Jugendjargon, war aber offenbar keine schlecht erfundene Horrorstory, wie der Zeitzeuge Barry Miles in seinem Buch „Hippies“ berichtet:  „Vergewaltigungen waren tatsächlich an der Tagesordnung, ebenso wie Prügeleien und Abzocke mit Drogen.“ Der Mensch ist gar nicht gut, möchte man mit einem Kenner der „Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ resignieren, doch seine Hoffnung auf eine bessere Welt scheint unzerstörbar. Zumindest so lange er jung ist. Auch davon handelt T. S. Freytags Thriller-Debüt „Goodbye Ruby Tuesday“.

Zwölf Jahre nach Woodstock, selbst der Punk mit seiner Anti-Hippie-Attitüde ist mittlerweile Geschichte, fahren in der ostwestfälischen Provinz noch Typen mit rückenlangen Haaren in blumenbemalten VW-Bullis durch die Gegend. Ron und Melanie sind auf dem Rückweg von einem Konzert der Band „Grobschnitt“ und froh, dass sie im strömenden Regen jemand mitnimmt. Am nächsten Morgen steht die Abi-Klausur in Deutsch an. Brecht natürlich, sein Gedicht gegen Verführung. Und Melanie, die Ruby genannt werden möchte, fühlt sich verstanden und aller bürgerlichen Zwänge ledig. Dreißig Jahre später weiß sie, dass eine Außenseiter-Existenz alles andere als romantisch sein kann: Hartz IV, Übergewicht und jede Menge Wodka. Kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag ist Ruby am Ende. Doch dann findet sie einen Daumen in der Spülmaschine. Und es bleibt nicht bei dem einen Körperteil. Jemand scheint ein böses Spiel mit ihr spielen zu wollen. Aber wer? Ruby versucht sich zu erinnern. An die wilde Zeit mit ihrem Freund Ron, das „alternative Leben“ in einer südfranzösischen Landkommune, die chaotische Tour nach Spanien. Gut ging es ihr in dieser Zeit eigentlich nie. So wird die Reise in die Vergangenheit zum schlechten Trip. Und wir sind hautnah mit dabei, denn Freytag versteht sich auf die plastische Zeichnung seiner Figuren ebenso wie auf die Konstruktion eines aberwitzigen Plots.

„Goodbye Ruby Tuesday“ ist nämlich nicht nur ein bitterer Abgesang auf die Versprechungen der Gegenkultur, sondern auch ein veritabler Thriller, der gelegentlich genreparodistische Züge annimmt. Wenn sich also am Ende die meisten Teile dieses Rachepuzzles auf seltsame Weise zusammenfinden, bleibt so manches Lesebedürfnis auf sinnvolle Weise unbefriedigt. Ein anderes Ergebnis würde diesem literarischen Desillusionsprojekt auch nicht gerecht werden.

S. Freytag: Goodbye Ruby Tuesday. Thriller. 364 Seiten. München: Edition 211 im Bookspot Verlag 2015. € 14,80.

chop_thornburg00_ Rausch und Untergang 

(kb) Warum hoffnungsfroh, wenn die Verzweiflung siegt? Warum Haken schlagen, wenn man doch gefangen wird? Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Siebziger Jahre, Santa Barbara. Die Leiche eines Mädchens wird bei Nacht in einem Müllcontainer entsorgt. Es gibt einen Zeugen, und das ist Richard Bone. Es gibt einen Mordverdächtigen, der ein reiches Arschloch ist, und einen Krüppel, der davon profitieren möchte: Alexander Cutter, Kriegsveteran, als Mensch mehr halb als ganz. Doch ein Auge, ein Bein und ein Arm genügen, um mit  jedem ein Tänzchen zu wagen. Mit seinem Freund Bone, mit seiner Frau, mit Polizisten und Nachbarn, die Cutters Zynismus und abseitiger Humor langsam in den Wahnsinn treibt. Und mit J.J. Wolfe, eben dem Millionär, den Cutter zusammen mit Bone erpressen will.

Bliebe noch die Sehnsucht des Versehrten nach dem Tod. Rasierklingen schneiden, Feuer brennen und Kugeln verlassen Flintenläufe. Über all diesem Verfall scheint die kalifornische Sonne wie radioaktives Cäsium. Newton Thornburg macht keine halben Sachen, weil die Welt genau so wie seine Figuren vor die Hunde geht. Der Leser sieht ihnen nur noch beim Sterben zu. Kein Voyeurismus ist im Spiel, nur die Ausweglosigkeit des Schicksals in einer Gesellschaft, die nicht erst nach dem Vietnamkrieg allein im Rausch noch zu ertragen ist. Das muss wehtun, und das darf es auch. Genau so wie die Tatsache, dass es Gerechtigkeit nicht gibt. Ein Roman schön wie der letzte Sonnenuntergang. Desillusionierend, drastisch und final.

Newton Thornburg: Cutter und Bone (Cutter and Bone, 1976). Polar Verlag, Hamburg 2015. Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende. Klappbroschur, 368 Seiten, 14,90 Euro.

chop-Woodrell-TomatenrotUnderdogs in Missouri

(rum) Die Geschichte geht nicht gut aus, aber damit muss sowieso rechnen, wer einen Roman von Daniel Woodrell zur Hand nimmt. Mit „Tomatenrot“ hat der Liebeskind-Verlag einen älteren Country Noir in neuer Übersetzung heraus gebracht, der im Original 1998 und hierzulande erstmals 2001 bei Rowohlt erschien.

Woodrell widmet sich in dieser schlanken Erzählung wieder mal der weißen Unterschicht im ländlichen Missouri, erzählt auf knappem Raum von ganz unterschiedlichen Strategien, mit gesellschaftlicher Ausgrenzung umzugehen. „Ich schämte mich für das schlecht ausgestattete Leben, in das ich hineingeboren war“, sagt da Woodrells Ich-Erzähler Sammy Barlach, ohne dass er willens wäre, daran etwas zu ändern. Er ist latent aggressiv, weiß aber nicht so recht, wohin mit seiner Energie. Beim Einbruch in eine Villa trifft er auf zwei Gleichgesinnte, bei denen er Anschluss findet. Die verbitterte Jamalee mit ihren tomatenroten Haaren will raus aus dem Armutssumpf, hat aber keinen Schimmer, wie sie das anstellen soll. Einstweilen erträgt sie die Tage mit ein paar Pillen. Ihr jüngerer Bruder Jason jobbt in einem Friseursalon und kommt bei den betuchten Damen gut an. Derweil beginnt Sammy eine Liaison mit Bev, der lebenslustigen Mutter der beiden Geschwister. Als Jason ermordet wird, merken die Drei, dass sie auch seitens des Gesetzes keine Hilfe erwarten dürfen.

Woodrell nimmt seine Figuren ernst und zeigt hier eine illustre Gruppe Underdogs, die keinen Fuß auf den Boden bekommt, schon dadurch abgestempelt ist, dass sie in Venus Holler wohnt. Das „war die zwielichtigste Gegend der Stadt“, meint der Ich-Erzähler. „Ich fühlte mich sofort heimisch.“ Solche Sätze machen klar, dass die Happyends schon aus waren, als Woodrell sich an diese Geschichte setzte, die düster und tragisch ist, aber unglaublich geschmeidig dahin rollt.

Daniel Woodrell: Tomatenrot (Tomato Red, 1998). Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg.  Liebeskind Verlag,  München 2016. 222 Seiten, 20 Euro.

chop_LohndumpingFeldstudie

(AM) Was denn bitte Lohndumping mit Crime zu tun hat? Wer so fragt, hat herzlich wenig Ahnung von den kriminellen Dimensionen auf dem Bau. Keine Bau-Gewerkschaft, keine Polizei und kein Ordnungsamt, kein ehrbarer mittelständischer Bauunternehmer, keine Standesorganisation, nicht die (viel zu wenigen) Zollfahnder der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) bekommen das in den Griff – obwohl in dieser Branche seit 1996, also seit 20 Jahren Mindestlöhne und Mindeststandards gelten. Die ja angeblich alles so ausbeutungssicher machen. „Ausbeutung einkalkuliert“ heißt es bei den Wanderarbeitern auf dem Bau, die legalen sind „bewilligungspflichtige Kurzaufenthalter“ in der Schweiz, „Kontingentarbeiter“ in Deutschland. Und es gibt ein nicht versiegendes Heer an Illegalen, die völlig schutzlos sind.
Das ist so nicht nur im deregulierten, neoliberal dem Dumping fröhnenden Deutschland – regelmäßig ist es die öffentliche Hand, auf deren Baustellen die schlimmsten Sauereien festgestellt werden, dies sogar beim Gefängnis-oder Justizzentrumsbau, die Fälle sind aktenkundig – sondern auch in der Schweiz, wo die Gewerkschaften wesentlich mehr mit am Drücker sitzen. Stundenlöhne von 12 Franken mitten in Zürich, polnische Bauarbeiter, die in Bern horrende Mieten für eine Matratze im Abbruchhaus bezahlen. Frustration bei amtlichen Kontrolleuren. Wut, Angst und Enttäuschung bei Schweizer Bauarbeitern. Generalunternehmer, welche die Situation auf dem Bau mit dem wilden Westen vergleichen. Bauherrinnen, die amtlichen Beistand vermissen. Lohndumping grassiert auch in der Schweiz.
Die Journalistin Anja Conzett ist den Gründen dafür nachgegangen, ihre Feldstudie erzählt in Reportagen, Porträts und Interviews von vielen Realitäten. Spannend.

Anja Conzett: Lohndumping. Eine Spurensuche auf dem Bau. Rotpunktverlag, Zürich 2016. Klappenbroschur, 176 Seiten, mit Farbfotos. 26 Euro/ 29 sfr.

chop_Brainquake-coverKlassiker (1): Zerebraler Schock

(AM) Der Held: Paul Page, ein Bagman.
Die Location: New York und Paris.
Der Body count: Zwanzig aufwärts.
Der Titel: Paul hat Probleme im Kopf, er nennt es „Brainquake“. Dieses Gehirnbeben ist kein Tumor oder etwas, was die moderne Medizin beheben könnte. Dem Autor dient es als Vehikel für einige sehr wilde Sachen.
Coole Zeilen: Fast überall, besonders das ganze Kapitel 16.
Der Autor: Sam Fuller (1912-1997), Filmregisseur extraordinaire (I Shot Jesse James, Pickup On South Street, The Naked Kiss, Shock Corridor, The Big Red One, White Dog u.v.a.), Ex-Journalist und Autor, Kriegsteilnehmer WW II.
Die Handlung: Geldtransporteur Paul Page verliebt sich in die falsche Frau, zusammen stehlen sie Geld von seinem Mafia-Boss. Ihre Flucht endet in Paris.
Der erste Satz:Sixty seconds before the baby shot its father, leaves fell lazily in Central Park.
Der Hintergrund: Sam Fuller hatte 1982 seinen letzten amerikanischen Film gemacht, die anti-rassistische Parabel „White Dog“ nach einem Roman von Romain Gary, aber Paramount weigerte sich, den Film zu veröffentlichen. Der wütende Fuller ging nach Frankreich ins Exil, wo er noch drei Filme drehte und zwei Romane schrieb. Einer davon, „Quint’s World“, erschien auch auf Deutsch, der andere nur in Frankreich (als „Cerebro-Choq“). Anfang der 1990er entstanden, ist dies ein wütend-sardonischer Blick auf eine in Korruption versunkene Welt. Ein wilder Ritt. Pulp pur.
Dieses Jahr warten wir noch auf den „directors cut“ des legendären Fuller-Tatorts „Tote Taube in der Beethovenstraße“ …. CrimeMag ist am Ball.

Samuel Fuller: Brainquake (Cerebro-Choq, 1991). Hard Case Crime Book 116. London 2014. Paperback ,320 Seiten.

UMSCHLAG-DasgestohleneManuskript-BOD.inddKlassiker (2): Wie es begann

(AM) „Das Büro des Universitätsdekans sah aus wie der Salon eines erfolgreichen viktorianischen Freudenhauses“, so begann Robert B. Parker 1973 seine langwährende Kriminalromanserie mit dem Privatdetektiv Spenser. Ehemals auch als „Die Schnauze voll Gerechtigkeit“ betitelt, ist dieser erste Spenser-Roman nun wieder verfügbar. 39 nicht alle gleichermaßen starke mit dem Privatdetektiv Spenser und dessen schwarzem Sidekick Hawk hat Parker (1932 – 2010) uns hinterlassen, der Pendragon-Verlag bringt diese Klassiker der Kriminalliteratur seit 2006 nach und nach wieder heraus.

In seinem ersten Abenteuer operiert der in doppelter Hinsicht schlagfertige Spenser noch alleine. Susan Silverman kommt erst im nächsten Roman dazu, in „God Save the Child“ („Kevins Weg ins andere Leben“). Dies mit dem denkwürdigen Satz: „Haben Sie gerade meiner Sekretärin in den Ausschnitt geschaut?“ Den ersten Spenser-Roman hat Joachim Feldmann 2012 bei CrimeMag einem Klassiker-Check unterzogen, das Ergebnis findet sich hier. (Parker bei kaliber 38, ein Nachruf auf seine Muse hier.)

Wer sich gründlicher für Parker und Spenser interessiert, findet viel Stoff und Anregung in dem vom unermüdlichen Otto Penzler im Jahr 2012 herausgegeben Trade Paperback „In Pursuit of Spenser“(Ben Bella Books/ Dallas, 207 Seiten). Eine ganze Riege von Schriftstellerkollegen zollt hier einem großen Kollegen Tribut: Dennis Lehane, Lawrence Block, Loren D. Estleman, Gary Phillips, S.J. Rozan, Ed Gorman, Max Allan Collins, Reed Farrel Coleman, dazu gibt es ein hübsches Profil von Spenser, verfasst von Robert B. Parker höchst selbst.

Robert B. Parker: Spenser und das gestohlene Manuskript. Ein Auftrag für Spenser (The Godwulf Manuskrip, 1973). Übersetzt von Angelika Haug. Taschenbuch, 178 Seiten. Pendragon, Bielefeld 2015.

chop mcBain7Klassiker (3): Achtung, kann Werbung in eigener Sache enthalten

(AM) Zum ersten Mal seit 62 Jahren wieder im Druck, ist dies ein Frühwerk von Ed McBain (1926 – 2005), der damals noch nicht als Evan Hunter mit „Saat der Gewalt“ über Nacht zum Bestsellerautor geworden war. Das geschah erst 1955. Seine Pseudonyme lauteten damals Ezra Hannon, Richard Marsten, John Abbot, Curt Cannon oder Hunt Collins, unter letzterem Alias wurde damals „Cut Me In“ veröffentlicht.

Schade, dass es mir und Frank Göhre bei der Arbeit an unserem „Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier“ nicht zugänglich war. Soviel Selbstkritik muss sein, soviel Selbstreferenz aber auch bei einem Werk, das uns gewiss nicht reich machen wird, nun aber bei CulturBooks auch in einer Printausgabe vorliegt. „Cut Me In“ hätte uns tatsächlich gut ins Konzept gepasst, denn diese schnelle, schlanke hardboiled-Geschichte spielt in eben dem Milieu, in dem Ed McBain sich Anfang der 1950er fürs Autorenleben fit machte: in einer New Yorker Literaturagentur. Dies zu einer Zeit, in der das aufkommende Fernsehen Autoren, die eine Geschichte erzählen konnten, die Kurzgeschichten und Kurzromane aus der Hand riss – so wie das Evan Hunter höchst selbst geschah, etwa als die TV-Show „Alfred Hitchcock präsentiert“ einige seiner Kurzgeschichten kaufte, Hitchcock so auf ihn aufmerksam wurde und letztlich als Drehbuchautor für „Die Vögel“ engagierte.All das ist in „Cops in the City“ ausführlicher beschrieben.

In „Cut Me In“ dient das Literaturagenten-Milieu für allerhand Insiderwitze und eine harte Geschichte von Gier, Hass und Eifersucht. Einfach elegant, wie McBain dann Anfang und Ende verknüpft. Boy meets girl, aber in der hardboiled Version. Große Klasse.
Als Zugabe enthält der Band die Pulp-Novelette „Now Die in It“ mit Privatdetektiv Matt Cordell aus „Die Gosse und das Grab“.

Ed McBain: Cut Me In (mit dem Autorennamen Hunt Collins, 1954). Hard Case Crime Book 122. Cover von Robert McGinnis. Paperback,  London 2016. 237 Seiten.

chop iceberg slim1872598Klassiker (4): Posthumes vom Pimp-Master

(AM) Iceberg Slim war gewiss einer der ungewöhnlicheren Literaten des 20.Jahrhunderts. (Sein bizarres Interview gibt es hier.) Mehr als sieben Mal im Gefängnis, davon zehn Monate Einzelhaft in einem engen Käfig, eine mit 14 Jahren begonnene Verbrecher- und Zuhälterkarriere – und dann Schriftsteller, 1967 bekannt geworden mit „Pimp: Die Geschichte meines Lebens“ (deutsch bei Heyne). Es folgten „Trick Baby“, „Mama Black Widow“, „Long White Con“, „The Naked Soul of Iceberg Slim“ u.a.; Robert Beck (1918 bis 1992) wurde mit über sechs Millionen Auflage zum meist verkauften afro-afrikanischen Schriftsteller.

Er schrieb aus der Gosse, schrieb tough und cool. Wer sich je wunderte, wie Donald Goines oder Andrew Vachss zu ihrem Stil gekommen sind, sollte Iceberg Slim lesen. Ein Eisberg konnte der 1,90 große Hühne tatsächlich sein, ruhig in heftigen Situationen. Filme gab es nach seinen grimmigen Büchern, Rapper beriefen und berufen sich auf ihn, Künstlernamen wie Ice Cube und Ice T (der auch einen Dokumentarfilm über Slim produzierte) sind eine Hommage an Beck.

Posthum ist nun der nachgelassene Roman „Shetani’s Sister“ erschienen, die Geschichte eines Straßenkriegs zwischen einem bösen Cop und einem auch nicht so edlen Zuhälter namens Shetani in Los Angeles. Das Vorwort stammt vom Biographen Justin Gifford („Street Poison“).
Irvine Welsh („Trainspotting“) sagte einmal, die Werke von Iceberg Slim seien „essentielle Lektüre wie Shakespeare“.

Iceberg Slim: Shetani’s Sister. Vintage Crime/ Black Lizard, New York 2015. Paperback, 244 Seiten.

chop_Porkchoppers895814037Klassiker (5): Breitwand, mit sardonischem Grinsen

(AM) „Die Ereignisse und Figuren in diesem Buch sind fiktiv und falls irgendetwas davon der amerikanischen Arbeiterbewegung zustoßen würde, wäre das nicht nur reiner Zufall, sondern auch ein bißchen schade.“ Diese Vorbemerkung von Ross Thomas (1926-1995) liest sich nach Lektüre seiner „Porkchoppers“ noch einmal anders. Ich kenne ein krimilesendes Mitglied des DGB-Bundesvorstandes und weiß, dass diese Person mindestens so lange wie ich auf diese nun endlich in einer vollständigen Übersetzung vorliegende Neuausgabe gewartet hat. Wir werden Spaß haben, uns darüber zu unterhalten. Als „Wahlparole: Mord“ war das Buch einst stark verstümmelt bei Ullstein erschienen – 132 Seiten gegenüber der Originalausgabe mit 246, nun fügt der Alexander Verlag seiner verdienstvollen Neuedition von Ross Thomas eine weitere Perle hinzu.

„The Porkchoppers“, am besten übersetzt mit „Die Abstauber“, war 1972 sein zehnter Roman und sein erster, den er nicht aus der Ich-Perspektive, sondern der allwissend auktorialen erzählte. Der Ergebnis war BREITWAND mit sardonischem Grinsen, war ein erzählerisches Feuerwerk, war eine Vielzahl von skurrilen, korrupten, ehrgeizigen, faulen, ehrgeizigen, verkommenen und ehrlich bleiben wollenden, oft bizarren Gestalten, denen der Erzähler in die Köpfe schaut, die Geschichte der Wiederwahl eines Gewerkschaftsvorsitzenden, erzählt aus mehr als zwei Dutzend Perspektiven. Bei Ross Thomas liest sich so etwas nicht überanstrengt ambitioniert, sondern einfach leichtfüßig und unterhaltsam. So wie er, hat kein anderer Kriminalautor die Verhältnisse zum Tanzen gebracht.

Und er kannte sie, die Verhältnisse: PR-Arbeit für die Landarbeitergewerkschaft National Farmers Union (Stoff für The Money Harvest), später für VISTA (Volunteeers In Service to America), hierüber sein einziges Sachbuch (Warriors for the Poor: The Story of VISTA), dann Wahlkampfmanager in Nigeria (Stoff für The Seersucker Whipshaw), politischer Berater in Washington, gleichzeitig Wahlkampf für einen Republikaner und einen Demokraten, diplomatischer Korrespondent in Bonn, Reporter in Louisiana – und Chefstratege für zwei Gewerkschaftsbosse, die zur Wiederwahl standen. Gewerkschaften waren 1976 noch einmal Thema im „Yellow Dog Contract“. Man kann nur hoffen, dass der deutschen Arbeiterbewegung kein Ross Thomas zustößt.

Ross Thomas: Porkchoppers (The Porkchoppers, 1972). Neuübersetzung aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel. Alexander Verlag, Berlin 2016. Broschur. 309 Seiten, 14,90 Euro. Verlagsinformationen zu Buch, Autor und Reihe hier.

chop weber_156862_xxlKochen verboten!

(AM) Natürlich schreit eine Rezension nach kulinarischen Metaphern. Ein „Fahrenheit 451“ ist dieses „Menue surprise“ nicht, aber doch eine weithin sehr vergnügliche Reise in eine Welt zwischen allen Genres, in der das Kochen verboten und zur Untergrundkunst geworden ist. Es ist nicht zu verkennen, dass der Autor etwas von seinem Erst- und Zweithandwerk versteht, Kochen das eine, Schreiben das zweite. Bekannt wurde der ehemalige Saarland-„Tatort“-Kommissar Gregor Weber mit „Kochen ist Krieg! Am Herd mit deutschen Profiköchen“ (2009) und mit „Krieg ist vorne scheiße, hinten geht’s! Ein Selbstversuch“ (2014). Seine Ausbildung zum Koch begann er im vorgerückten Alter im Sternerestaurant „Vau“ am Berliner Gendarmenmarkt.

Webers Held Carl Juniper, ein Schiffskoch, erleidet Anfang des 20. Jahrhunderts Schiffbruch und wird in eine Anderswelt katapultiert: in ein London, in der es Dampfgefährte, Luftschlitten, ein Schwebebahnen-Netz und Luftschiffe, strenge Arbeits- und Lebensvorgaben und nichts Rechtes zum Essen gibt. Eine Prohibitionszeit des Geschmacks, sozusagen. In dieser Hölle fader Nährstoff-Einheiten gerät der gestrandete Smutje in eine Untergrund-Küche, wo Kriminelle für die kulinarische Wonnen sorgen und illegale Schmausereien zubereiten – für die Reichen. Das ist lukrativ, führt zu Bandenbildung und Bandenkrieg, evoziert manche Lektüre- und Filmerinnerung. Kochen im Spiegel- und Zirkuszelt.

Gregor Weber: Stadt der verschwundenen Köche. Knaus, München 2014. 350 Seiten, 14,99 Euro.

Bestrafung von Steffen JacobsenPuls der Zeit

(AM) Eines dieser Bücher „wie aus den Schlagzeilen der Nachrichten“, dies aber von der besseren Sorte. Um am Puls der Zeit zu sein, muss ein Autor vorausahnend sensibel sein – und kann oft genug falsch liegen.

Nach einem Selbstmordanschlag mit mehr als tausend Toten im Vergnügungspark Tivoli ist Dänemark in einer neuen Wirklichkeit angekommen. Das Land ist gespalten bei der Frage intensiverer Überwachung von Zivilisten, bei Abhöraktionen, Festnahmen ohne Anklage, bei physischem Druck bei Verhören, Wahrheitsserum oder Ausweisungen ohne Gerichtsurteil. Ein Polizeistaat werden, der Sicherheit wegen?

Das ist der eine Strang, dem der in Skandinavien als Top-Autor gehandelte Jacobsen („Die Trophäe“) folgt, ein anderer ist die Frage nach dem Motiv der oft jungen Terroristen, die eben noch normale Mitbürger gewesen sind. Mit seinen Serienfiguren Michael Sander und Lene Jensen, sie Kommissarin, er Privatdetektiv, lotet Jacobsen tatsächlich ein Thema aus den Schlagzeilen aus. Wer nach Eskapismus sucht, liest hier vergebens.

Steffen Jacobsen: Bestrafung (Gengældelsen, 2014). Heyne Verlag, München 2015. 512 Seiten, 9,99 Euro.

hansjörg schneider hunkeler 9Nörgeln, Grübeln, Ermitteln

(PM) In Basel gehen die Uhren zwar langsamer, doch wenn der inzwischen pensionierte Kommissar Hunkeler sich an einem Fall festgebissen hat, löst er ihn auch gegen den Widerstand des etablierten Beamten-Apparats. Hansjörg Schneider setzt in „Hunkelers Geheimnis“ weniger auf rasante Action als auf atmosphärisches Lokalkolorit, grantelige Dialoge und stimmige Psychogramme.

Mit einem Katheter zwischen den Beinen findet sich der pensionierte Kommissär Peter Hunkeler nach einer OP im Krankenhaus wieder: Er fühlt sich so überflüssig „wie eine Karotte, die versehentlich im Fach für Gefrierfleisch landete“, außerdem braucht er eine Weile, um sich zurechtzufinden. Mit dem schwerkranken Banker im Nachbarbett will er keinen Kontakt aufnehmen, obwohl der als ehemaliger 68er äußerst beflissen und insistierend mit ihm über die alten Zeiten quatschen will, als sie beide noch von der rebellisch- studentischen Aufbruchsstimmung infiziert waren. Als der sedierte Hunkeler dann nachts eine Krankenschwester beobachtet, die dem Banker trotz massiver Gegenwehr eine Spritze in den Bauch rammt, wird er misstrauisch. Denn am nächsten Morgen ist der Banker tot – hat er diesen Vorfall vielleicht nur geträumt? War das überhaupt eine richtige Krankenschwester? Oder war er nur benebelt? Der verunsicherte Ex-Kommissär will diese merkwürdigen Umstände aufklären und eruiert „inoffiziell“ auf eigene Faust, weil er sich gegenüber alten Kollegen und dem Baseler Beamtenapparat inklusive hyperdynamischem, profilneurotischem Staatsanwalt nicht lächerlich machen will.

Auch in Hunkelers neuntem Fall bereitet Schneider souverän ein eher behäbig-rustikales Panorama zwischen Basel und dem Elsass aus, wo Hunkeler ein gemütliches Häuschen besitzt und in Ruhe durchschnaufen sowie einen gepflegten Roten verkosten kann. In diesem Ambiente verursachen weder Serienkiller noch Verfolgungsjagden mit schießwütigen Ganoven Herzrasen beim Leser – was allerdings unterhaltsam ist, sind Hunkelers giftige Verbalattacken gegen offizielle Wichtigtuer und seine zuerst irritierten, dann begeisterten Reaktionen beim plötzlichen Auftauchen seiner Enkelin Estelle nebst ihrer am Halsband ausgeführten Ziege. Da wird der alte Grantler plötzlich zum gutmütigen Anarcho-Hippie, der verständnisvoll alle Kapriolen der eigenwilligen Estelle toleriert, einen polizeilich gesuchten Verdächtigen versteckt und die Eskapaden eines bekannten Künstlers akzeptiert, der von den biederen Baselern längst als gescheiterte Existenz abgestempelt war. Da Hunkeler nun anfängt, fundierte historische Schinken über den 1. Weltkrieg zu lesen, kann es schließlich auch nicht allzu sehr überraschen, dass die Spur, die er im Fall des toten Bankers verfolgt, zurück zu historischen Ereignissen führt. Schneider war ja noch nie der Lieferant von Pageturnern mit blutigen Massenmorden und hohen Leichenbergen – er vertieft sich mit großer Liebe fürs Detail in stimmungsvolle Psychogramme, lebendige Dialoge und in eine atmosphärische Dichte, die für großes Lesevergnügen sorgen.

Hansjörg Schneider: Hunkelers Geheimnis. Der neunte Fall. Diogenes Verlag, Zürich 2015. 208 S., 22 Euro.

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