Geschrieben am 1. Oktober 2020 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2020

Beckmanns Lektüren (7): Jürgen Neffe „Das Ding. Der Tag,an dem ich Donald Trump bestahl“

Das bedeutendste politische Buch des Jahres

Ein deutscher „Roman“ über die USA am Wendepunkt 

Der weltweit  anerkannte Biograph Jürgen Neffe zeichnet in einem innovativen, authentischen, autobiographischen  Roman erst- und einmalig ein überzeugendes Portrait  von Donald Trump. Es erklärt, warum wir seine Wiederwahl als US-Präsident im November befürchten und fürchten müssen. – Von Gerhard Beckmann. 

„Meine letzte Reise nach Amerika gleicht einem Albtraum nach fahrig durchwachter Nacht. Er will nicht enden, bevor ich  mir über mein Vergehen nicht Rechenschaft abgelegt habe. Alles, was ich darüber zu sagen habe, werde ich wahrheitsgemäß zu Papier bringen. Ich greife hierfür auf Notizen zurück, die ich während meiner Gefangenschaft zwischen den Seiten eines Buches gemacht habe …“ So beginnt, geradezu klassisch in der Art von Politkrimis bzw. Thrillern und Spionageromanen dieses hochaktuelle neue, autobiographische Buch von Jürgen Neffe, dem  international berühmten deutschen Reporter, Wissenschaftsjournalisten und Bestseller-Autor preisgekrönter Biographien. Jürgen Neffes Novität ist tatsächlich ein Spionageroman – ein aufregender Thriller: aber – und das ist ganz außergewöhnlich – ein Thriller mit einem noch aufregenderen inneren Ring: In seinem Kern enthält dieser Roman ein Portrait Donald Trumps, das ohnegleichen sein dürfte. Es bringt Enthüllungen über Trump, die selbst gut informierten ersten Lesern des Buches schier den Atem verschlagen haben. Sie stammen aus der Wiedergabe von – bisher nie veröffentlichten – Interviews, die Donald Trump dem früheren Spiegel-Redakteur und US-Reporter Jürgen Neffe aus freien Stücken gegeben hat. Diese O-Ton-Aussagen Trumps haben eine Sprengkraft, die in vielem Grundsätzlichen das Dynamit  übertreffen, das in den Interviews des Sensationsbuches steckt, die Bob Woodward jüngst unter dem Titel „Rage“ veröffentlicht hat.

Jürgen Neffe als SPIEGEL-Reporter im Weißen Haus

Ein spannender Anfang, eine mitreißende tragende Handlung

Der Roman fängt, wie gesagt, als Politkrimi an. Der Erzähler – nennen wir ihn, weil es sich ja ganz offiziell um eine autobiographische Erzählung handelt, hier einfach mal Jürgen Neffe – wird  nach seiner jüngsten Flugreise in die Staaten auf dem New Yorker Flughafen, „ohne dass jemand das so offen ausgesprochen hätte“, unter Verdacht staatsfeindlicher Absichten gestellt und in Haft genommen. Er wird immer wieder verhört, zwei Wochen lang, in denen seine Peiniger, unter falschem Namen – darunter eine Mata Hari, der er fast verfällt, und ein  Schläger –, die ihm unterstellen, nie wahrheitsgemäß zu antworten, in aller Ruhe nach Beweismitteln suchen können. Das Leben des renommierten Journalisten liegt ausgebreitet vor ihnen. „Ich versuche mir klarzumachen, was ich alles abgespeichert habe. Keine Ahnung, wie viele Fotos. Mails und andere Texte da zusammenkommen. Da ich immer gern alles beisammen halte,  um auch ohne Netzverbindung darauf zurückgreifen zu können, dürften es Zehntausende Dokumente sein. Darunter auch mein Tagebuch, seit ich es auf Rechnung führe. Jeden Moment fällt  mir etwas Neues ein, das nicht für fremde Augen bestimmt ist: Intimes, Kompromittierendes, Missverständliches. Mir ist als wäre ich in eine Klinik geraten, und obwohl mir nichts fehlt, hätte sich die Maschinerie der Checks und Diagnosen in Gang gesetzt, bis sich etwas findet….“  

Es wird zu einer Horror-Geschichte, die an  Berichte über Erfahrungen etwa mit asiatischen und südamerikanischen Diktaturen erinnert.  Was immer die verhörenden Beamten des US-Heimatschutzes finden, was immer er ihnen erklärt, in allem sehen sie Indizien für eine mögliche Tat, für die Planung eines eventuellen Terror-Anschlags. Aus dem legendären Land von Freiheit und Demokratie, von Recht und bürgerlicher Ordnung ist ein Staat der Paranoia, des Machtmissbrauchs und der Willkür von Behörden geworden, der die Menschenwürde (sowie die Meinungs- wie die Pressefreiheit) mit Füßen tritt – „eine Entwicklung, die mein Bild von New York und Amerika vom Kopf auf die Füße stellte.“ Und am Ende zeichnet sich ab, dass in seinem Fall Donald Trump als US-Präsident höchstpersönlich diesen Schrecken ausgelöst hat und dann  ebenso willkürlich beendet.  

Wie Jürgen Neffe mit Donald Trump zusammengeraten ist

„Was verbindet Sie mit Trump?“ wollen die verhörenden Beamten von Jürgen Neffe wissen, auch wenn sie ihm keinen Glauben zu schenken bereit sind.  Für uns Leser aber gibt er in dem Roman eine so glaubwürdige Antwort, die als Auskunft über Donald Trump authentischer und aufschlussreicher als alles sein dürfte, was  bisher –auch in Deutschland – über Trump zu lesen war. Jürgen Neffe hat in den 1990ern für den „Spiegel“ in den USA gearbeitet. Damals  inszenierte der schillernde, immens reiche Immobilien-Magnat Trump sich „als König von New York“. Und Trump hat Neffe hofiert, hat ihm all seine prunkenden Besitztümer persönlich vorgeführt und ihm in  seinem Büro – geradezu erpresserisch –  eröffnet: „Was für eine großartige Idee, Donald Trump eine Titelgeschichte in Ihrem Magazin zu widmen“   –wovon nie die Rede gewesen war. „Seit er beschlossen hatte, berühmt zu werden und seinen Ruhm zu vermarkten, lebte er mit einem Paradox. Er benutzte die Presse, solange er sie gebrauchen konnte, um bekannter zu werden. Gleichzeitig zog er gegen Journalisten zu Felde, die ihm nicht nach dem Munde schrieben.“

Jürgen Neffe aber hat Trump damals noch Schlimmeres angetan. Nicht nur, dass er ihm nicht die erwünschte „Spiegel“-Titelgeschichte verschaffte. Er hat sie obendrein einem anderen gewidmet, den er an Trumps Stelle auch noch als den “König von New York“ darstellte: den „Keeper of the Flame“ der Freiheit, den Wärter der Statue of Liberty. Und Trump hat, später, als US-Präsident, Neffe gegenüber eine Rolle ausgespielt, die er offenbar mit ganz besonders großer Leidenschaft spielt: „die der beleidigten Diva“. So hat er denn aus dem Hintergrund von oben die Strippen der Spionage-Agenten-Story gezogen, welche den Handlungsrahmen dieses Buches bilden. „Ich bin kein Loser. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie verloren“, hat Donald Trump in einem Gespräch mit Jürgen Neffe erklärt und sich ihm in anderen Interviews ihm erstaunlicher Weise geöffnet – um der erhofften Publicity willen, die er als selbsternanntet Star-Performer von Deals, als beispielloser, größter Meister der „Kunst des Erfolgs“ anstrebte. 

Er will erreichen, was vor ihm noch keiner geschafft hat. Als Präsident will er Kennedy übertreffen. Er will der „Sonnenkönig“ des 21. Jahrhunderts werden. Darum geht es ihm – und das ist nun die erstaunlichste Offenbarung dieses  Buches – in seinem skrupellosen Kampf um seine Wiederwahl im November. Es ist eben keineswegs einfach bloß so, wie bislang immer behauptet wird, dass Donald Trump nur den Mitgliedern seines Familien-Clans traut. Es geht um viel mehr. Um sich über alle bisherigen US-Präsidenten erheben zu können, hat er noch anderes im Sinn. „Einer der Seinen soll ihm nachfolgen. Heiß gehandelt wird sein Ältester, Donald Junior. Damit würden sich die Trumps in ihrer Bedeutung über die Familie Bush hieven, die zwölf Jahre den Präsidenten stellte, vier der Vater, acht der Sohn. Mit einer unmittelbaren Erbfolge könnte Donald I. mittels seines Sohns Donald II. eine Dynastie innerhalb der Demokratie im Land der Anti-Monarchisten begründen und sich damit über alle Vorgänger erheben.“

„Ich fürchte“, fährt Jürgen Neffe in seinem Buch fort, „in seinem Drang, alle und jeden zu übertrumpfen, wird er sich mit diesem kleinen Vorsprung nicht zufrieden geben. Daher tippe ich eher auf Ivanka, sein Lieblingskind. Würde sie zur ersten Präsidentin  gewählt, dann wäre ihr gelungen, woran die Clintons mit der Kandidatur der Ehefrau sechzehn Jahre nach dem Auszug des Amtsinhabers aus dem Weißen Haus noch gescheitert sind…..“

Ein sensationelles Buch von höchster politischer Bedeutung, auch für Europa

Was die Lektüre dieses Buches aber so aufregend und unvergleichlich macht, ist noch etwas anderes. Jürgen Neffe macht klar, dass dieser Donald Trump mitsamt seiner Politik ihm politisch so widerwärtig ist wie Putin, Erdogan und sonstige „Hierarchen“. Er weigert sich jedoch, Trump als „Monster“ zu klassifizieren. Er macht die pure, schematische  Verteufelung durch westlichen Medie, vorherrschende politische Kräfte und Bildungsschichten nicht mit. Er ist der Erste, der Donald Trump bis ins kleinste Details genauestens als Menschen – als eine jener außergewöhnlichen Charaktere und Persönlichkeiten, wie sie ihn privat, als Journalist und Biograph schon immer fasziniert haben. Es sind die peniblen persönlichen Recherchen, die Jürgen Neffe nun – Jahre später, nachdem  Trump das Weiße Haus erobert hat und auf Biegen und Brechen in seinem Griff halten will – bewogen haben, dieses Buch zu schreiben. Er versucht, endlich zu klären, was noch niemand erklärt hat: Warum Trump, der erste „Anführer“ Amerikas, „der vorher noch nie irgendein politisches Amt innehatte“, der „als Newcomer Regeln verletzt, Tabus gebrochen, Grenzen überschritten hat, krasse Fehleinschätzungen verbreitet, provoziert, polarisiert, beleidigt  un Personen wie Staaten bedroht“ – aufs neue eine Mehrheit der Bevölkerung seines Landes hinter sich zu vereinigen droht.

Bislang hat niemand wirklich versucht dahinterzukommen, woher der totale Außenseiter die Kraft nimmt und die Methoden gewonnen hat, das gesamte demokratische Establishment beider Parteien auszumanövrieren, hemmungslos am laufenden Band zu lügen und sich öffentlich dennoch mit Erfolg immer wieder als alleiniger Anker und Quell der  Wahrheit zu inszenieren und unangreifbar zu machen, mit rabiater Unberechenbarkeit geltende nationale wie internationale, geistige, soziale und wirtschaftliche Fundamente und Vereinbarungen ins Chaos zu stürzen und trotzdem weithin als Garant traditioneller gesellschaftlicher, politischer  Sicherheiten zu gelten. Und das alles, und mehr, gelingt Jürgen Neffe in seinem Buch „Das Ding. Der Tag, an dem ich Donald Trump bestahl“. Und das  kann ihm gelingen, weil Neffe diesen Donald Trump –  im Rahmen der Vorbereitungen zu der sehnlichst erwünschten Cover-Story  im „Spiegel“, die nie erschienen ist  – zu überzeugen wusste, er könne sie überhaupt  nur dann schreiben, wenn Trump sich ihm gegenüber in allen Dingen menschlich offen und ehrlich gebe. Und weil Jürgen Neffe Trump offen und unvoreingenommen wahrgenommen, beobachtet und interviewt hat. „Das Ding“ ist das beispiellose Portrait von Donald Trump als zentrales Symptom wie als treibende Kraft der Misere, in der die USA steckt– und das macht auch den hohen Reiz und Wert dieses Romans aus. Es stellt „Das Ding“ in seiner Faszination und Bedeutung auf eine Stufe mit den großen Biographien Jürgen Neffes von Albert Einstein, Charles Darwin und Karl  Marx, die weltweit ein breites Publikum überzeugt haben. 

Gerhard Beckmann 

Jürgen Neffe: Das Ding. Der Tag,an dem ich Donald Trump bestahl. Roman. Europa Verlag, München 2020. 239 Seiten, 20 Euro.

Beckmanns Wutschrei gegen Amazon hier, seine Texte bei uns hier.  

Tags : , ,