Geschrieben am 1. Mai 2022 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2022

Anna McPartlins „Warten auf ein Wunder“

Dunkle irische Geschichte und taffe Frauen

Die grüne Insel, Sehnsuchtsort voller Klischees zwischen Kerrygoldkühen und Guinnesschaum, zwischen Folk-Sessions im Pub und Stadionrock von U2, zwischen Torffeuer und Riverdance, hat in seiner bewegten Geschichte auch einige dunkle Kapitel aufzuweisen. Eines der schockierendsten sind die Verbrechen, die unter dem Deckmantel der katholischen Kirche in den Magdalenenheimen für gefallene Mädchen geschahen. Besonders schockierend, weil die Machenschaften der unbarmherzigen Schwestern bis in die 1990er Jahre hinein unentdeckt und ungesühnt blieben, weil viele Augen weggeschaut haben.

Anna McPartlins neuer Roman erweckt die Grausamkeit dieser Institutionen eindrucksvoll zu literarischem Leben: Als die sechzehnjährige Catherine Sullivan ohne Wissen um Verhütung Mitte der 1970er den Treueschwüren des Richtersohns Glauben schenkt und ungewollt schwanger wird, setzt dies ein Räderwerk in Gang, an dessen Ende sie sich in einem dieser Heime wiederfindet. Demütigungen und harte Arbeit stehen auf der Tagesordnung und es dauert nicht lange, bis Catherine hinter das perfide Geschäftsmodell der Nonnen blickt: Die hier geborenen Kinder werden den jungen Müttern entrissen und gewinnbringend zur Adoption vermittelt. Die Mädchen dürfen im besten Fall durch Zahlungen der Familie die Klostermauern wieder hinter sich lassen, im schlechteren Fall – und der ist die Regel – müssen sie ihren unfreiwilligen Aufenthalt in der Wäscherei über Jahre abarbeiten. Doch Catherine will sich diesem Schicksal nicht fügen: Sie kämpft entschlossen für ihr Kind und für ihre Freiheit.

McPartlin verleiht Catherine eine starke Ich-Erzählstimme. Das Wechselbad der Gefühle von Hoffnung und Verzweiflung, von Liebe und Trauer macht sie greifbar. Anhand des Einzelschicksals zeigt sie das dämonische Ineinandergreifen so vieler Faktoren, das dazu führen konnte, dass dieser Missbrauch vor den Augen der tief katholischen Gesellschaft nur vage verborgen über Jahrzehnte ungesühnt blieb. Von den Eltern, die die Schande von der Familie abwenden wollen bis hin zum Richter, der die Adoption auch ohne Unterschrift der leiblichen Mutter in die Wege leitet.

Im Kontrast zu dieser dunklen Erzählung aus nicht allzu ferner Vergangenheit stehen die Schicksale von vier weiteren Frauen der Gegenwart, die sich im Jahr 2020 in einer Selbsthilfegruppe kennenlernen, weil sie ebenso verzweifelt wie erfolglos versuchen, schwanger zu werden. Da ist das lesbische Paar, das sich entschließt, auf die Samenspende des Bruders der einen zurückzugreifen, obwohl dieser eigentlich ein Arschloch ist. Da ist die Frau, die um jeden Preis die zigste künstliche Befruchtung probieren will und dafür wissentlich ihre Ehe opfert. Da ist die Frau, die über ihre letzte Fehlgeburt nicht hinwegkommt. Die Verwicklung dieser Schicksale erzählt der Roman gefühlvoll und zum Teil mit großem Humor. 

McPartlin wechselt kapitelweise zwischen den Zeitebenen und Protagonistinnen – und wer aufmerksam liest, findet recht früh kleine Hinweise darauf, dass Catherines Schicksal mit den gegenwärtigen Frauen verbunden ist. Ein großartiger Unterhaltungsroman über starke Frauen, bei dem letztlich nur die Tatsache irritiert, dass der Verlag entschieden hat, jede Kapitelüberschrift mit einer verspielt-kitschigen Grafik zu zieren. Das könnte manchen Leser (!) möglicherweise abschrecken.

Frank Schorneck

Anna McPartlin: Warten auf ein Wunder (Waiting for the Miracle, 2021). Deutsch von Sabine Längsfeld. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2022. 544 Seiten, 13 Euro.

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