Geschrieben am 15. Juni 2018 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2018

Andrea O’Brien & Joachim Feldmann: Zweimal Fiona Griffith

978-3-499-29135-7978-3-499-29137-1Ebenso spannend wie intelligent

Joachim Feldmann freut sich, dass zwei bisher etwas untergegangne Bücher mit der ungewöhnlichen Polizistin Fiona Griffith jetzt wieder verfügbar sind. Mit ihrem Autor Harry Bingham hat Andrea O’Brien ein munteres Interview geführt.

Die Heldin leidet an einer seltenen psychischen Krankheit, ist kampfsporterprobt und von überragender Intelligenz. Sie hat einen erstklassigen Uni-Abschluss in Philosophie, entscheidet sich aber für eine Polizeilaufbahn. Dass sie als Adoptivtochter eines Mannes aufgewachsen ist, dessen Geschäftspraktiken auf gesetzlichen Vorschriften nur wenig Rücksicht nehmen, macht die Sache nicht einfacher. So weit, so unwahrscheinlich. Sollte ich irgendwann einmal ein Regelwerk für das Verfassen von Kriminalromanen aufstellen, wäre das Verbot solcher Ermittlerfiguren eine davon. Und doch ist Fiona Griffiths, deren komplexe Persönlichkeit durch die oben genannten Charakteristika nur unzureichend beschrieben wird, um eine der faszinierendsten Protagonistinnen der zeitgenössischen Spannungsliteratur.

Ein Grund dafür ist das erzählerische Können ihres Erfinders Harry Bingham, der seiner Heldin eine, aller Exotik zum Trotz, eine authentisch klingende Stimme verleiht. Dass der ehemalige Investmentbanker es darüber hinaus versteht, realistisch anmutende Plots mit einem großen Spannungspotential zu konstruieren, macht die sechs bislang erschienenen Fiona-Griffiths-Romane zu einem großen Lesevergnügen. Und dass nicht zuletzt, weil Bingham mit Leidenschaft gegen Schreibregeln verstößt, sogar gegen jene, die der große Elmore Leonard aufgestellt hat. Man solle einen Roman niemals mit einer Beschreibung des Wetters zu beginnen, heißt es da zum Beispiel.

Unsinn, dachte Harry Bingham, und brach die Regel im vierten Fiona-Griffiths Roman „This Thing of Darkness“ mit nur einem Wort: „Rain“. Auf Deutsch wird der Band allerdings erst im Januar des kommenden Jahres als Rowohlt Taschenbuch vorliegen. Band 1 und 2, die bei ihrem ersten Erscheinen hierzulande leider untergegangen sind, werden bereits in diesem Monat neu aufgelegt. Wer eine ebenso spannende wie intelligente Sommerlektüre sucht, sollte die wohlfeilen Ausgaben mit ins Reisegepäck nehmen.

978-3-8052-0016-5-2Joachim Feldmann

Harry Bingham: Fiona: Den Toten verpflichtet (Talking to the Dead, 2012, ehemals dt. Totenklage). Aus dem Englischen von Kristof Kurz.  496 Seiten, 9,99 Euro. Erscheint am 26.6.

Harry Bingham: Fiona: Das Leben und das Sterben (Love Story, With Murders, 2013, ehemals dt. Totenspiel). Aus dem Englischen von Kristof Kurz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 560 Seiten, 9,99 Euro. Erscheint am 26.6.

Bereits erschienen: Harry Bingham: Fiona: Als ich tot war (The Strange Death of Fiona Griffiths, 2014). Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Wunderlich Verlag, Hamburg 2017. 512 Seiten, 19,95 Euro.

This Thing of Darkness (2015) erscheint 2019, übersetzt von Kristof Kurz
The Dead House (2016) erscheint 2019, übersetzt von Kristof Kurz und Andrea O’Brien
The Deepest Grave (2017)

Porträt der Reihe von Alf Mayer: Absolute Spitzenklasse, CrimeMag Oktober 2017.
Hier erzählt Harry Bingham, wie er Elmore Leonards Regeln brach.

harry bingham portrait-495x400„Wir sind doch alle ein bisschen verrückt. Kein Mensch ist so normal, wie er scheint.“

Ein Interview mit Harry Bingham Bingham von Andrea O’Brien

Frage: Gibt es einen Mythos über Schriftsteller, den Sie gerne entlarven würden?

Harry Bingham: Es gibt, glaube ich, viele Menschen, die dem Mythos von der gequälten Künstlerseele aufsitzen. Für sie ist Kunst nur dann authentisch und wichtig, wenn sie als Produkt eines inneren Kampfes entsteht und der Künstler an den Rand dessen gerät, was die menschliche Seele ertragen kann. Vielleicht trifft das ja sogar auf viele Schriftsteller zu. Meist erfordert das Schreiben einfach nur harte Arbeit und Konzentration – und natürlich eine gehörige Prise Talent. Ehrlich gesagt, verstehe ich Autoren nicht, die über das Schreiben jammern. Wenn es für euch so schlimm ist, dann lasst es doch einfach! Es gibt weiß Gott leichtere Wege, Geld zu verdienen. Wenn jemand nicht schreiben will, soll er eben Buchhalter werden.

AB: Fiona Griffith, die charismatische Heldin Ihrer erfolgreichen Thrillerserie, leidet unter einer schweren psychischen Störung namens Cotard-Syndrom, und sie schreiben Fionas Geschichte aus der personalen Erzählperspektive (Ich-Form). Wie war und ist es für Sie, sich während des Schreibens in die Denkweise einer psychisch kranken Person hineinzuversetzen?

bing grave _UL320_SR214,320_HB (grinst breit): Ha! Hervorragende Frage. Meist fragen mich die Leute, ob es mir schwerfalle, als Frau zu schreiben. (Die Antwort lautet übrigens: Nein, eigentlich nicht.) Aber Ihre ist definitiv die interessantere Frage.

Man stelle sich das vor: Ich bin ein ziemlich normaler Typ über vierzig. Eine psychische Krankheit hatte ich noch nie, zumindest litt ich noch nie unter einer Psychose oder unter einer ähnlich drastischen Störung wie Fiona. Und trotzdem verstehen Fiona und ich uns blendend.

Es macht mir einen Heidenspaß, als Fiona zu schreiben, und ich finde es überhaupt nicht schwer, mich in sie hineinzuversetzen, wenn sie das Gefühl für sich verliert, unberechenbar reagiert oder abstruse Gedanken hegt.

Wir sind doch alle ein bisschen verrückt. Kein Mensch ist so normal, wie er scheint. Im Alltag reißen wir uns mehr oder weniger zusammen, um nach außen hin „normal“ zu wirken. Ich habe nichts weiter getan, als mir vorzustellen, was passieren würde, wenn dieses (nahezu automatische) Verhalten nicht selbstverständlich wäre. Die Leser mögen Fiona wahrscheinlich, weil sie eine extreme Variante ihrer selbst darstellt: Jemand, der mit denselben Problemen zu kämpfen hat, allerdings unter erheblich erschwerten Bedingungen.

bing dead houseAB: Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrer wunderbaren Heldin, und woher nehmen Sie den Stoff Ihrer klugen Romane?

HB: Die Figur der Fiona hat sich über einen Zeitraum von fast zwei Jahren entwickelt und ist mir zunehmend ans Herz gewachsen. Ich wollte schon immer eine ungewöhnliche Heldin erschaffen, die sich von den vielen versoffenen, abgeklärten, alten Cops unterscheidet.

Zwei zusätzliche Aspekte haben Fiona zu der gemacht, die sie heute ist. Die erste Idee kam mir, als ich mich näher mit der Cotard-Krankheit auseinandersetzte und beschloss, eine Polizistin zu erschaffen, die sich durch ihre psychische Verfassung permanent auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Todbewegt. Diese Ausgangssituation hat sich für meine Spannungsromane so wunderbar bewährt, dass ich mich noch heute frage, warum keiner vor mir darauf gekommen ist. Der zweite wichtige Aspekt entwickelte sich, als ich mich daranmachte, meiner Heldin eine Stimme zu geben. Hat man Fiona einmal gehört, kennt man sie auch. Und es bereitet mir tierische Freude, zu schreiben, wie Fiona spricht.

Die Ideen zur Handlung zu entwickeln ist überwiegend Handwerk. Ich mag keine übermäßig blutigen Geschichten und solche, sie eigentlich nur von sexueller/sadistischer Grausamkeit erzählen, deshalb handeln meine Bücher überwiegend von komplexen Betrugsdelikten, die den Tätern schnelles Geld bringen sollen. Manchmal sind diese Verbrechen so realistisch und plausibel, dass ich mich frage, ob sie nicht tatsächlich irgendwo begangen werden.

bing talkingUL320_SR208,320_AB: Was passiert bei Ihrem Projekt The Writers‘ Workshop?

HB: Der Writers‘ Workshop ist die größte Literaturagentur Großbritanniens. Wir stellen Nachwuchsautoren, die Hilfe mit ihrem Projekt benötigen, einen erfahrenen Schriftsteller an die Seite, der ihr Manuskript liest und ihnen detaillierte Ratschläge gibt. Wir bieten außerdem Onlinekurse für Autoren an und organisieren die größte Schriftstellerkonferenz des Landes. Leider haben wir keine Angebote für deutsche Autoren.

AB: Macht Ihnen das Schreiben immer Spaß?

HB: Meist tut es das tatsächlich. Aber damit will ich nicht behaupten, dass es einfach wäre. Vor allem, wenn ich einen schwierigen Teil meiner Geschichte beackere, bin ich nach ein paar Stunden richtig erschöpft. Allerdings finde ich, dass harte Arbeit und Vergnügen oft Hand in Hand gehen. Wenn ich ein Kapitel aufs Papier bringe, das mir schon lange im Kopf herumgespukt ist, und es geht mir leicht von der Hand, ach, das ist eine wunderbare Erfahrung! Wie wenn man sich auf dem Fahrrad einen Berg hinaufgequält hat und dann ohne zu treten ins Tal rast.

Das Interview von Andrea O’Brien, die das als Hardcover herausgekommene dritte Fiona-Buch übersetzt hat, das der Reihe in Deutschland einen neuen Schub gab, erschien zuerst auf ihrem sehr empfehlenswerten Blog Krimiscout.

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