‘Neuer Wort Schatz II’
Der Neue Wort Schatz I und II – komplett bei CULTurMAG
Liebe Leserinnen und Leser,
von “winsen” bis “ottern”, von “Blickrausch” bis “Schönheitserreger”: Gedichte sind Wortschatzerweiterer. Alle Texte stammen aus diesem Jahrtausend und wurden von erprobten Lyrik-Lesern ausgewählt und gedeutet. Viel Freude beim Stöbern wünschen die Herausgeber Gisela Trahms und Daniel Graf.
Neuer Wort Schatz II (31): Oswald Egger
Oswald Egger … zwei zu fünf. – Zwei zu fünf, drei zu fünf, zwei zu drei: es sind die Proportionen, die relevant sind in diesem Stelenfeld, nicht die absoluten Größen, die unbekannt bleiben, keine überwältigenden Maße, vielmehr Bezüge innerhalb eines unbestimmten Ganzen. Nüchtern-abschätzend ist die Beschreibung, prosaisch der Ton in der Neigung des Sprechers zur quantifizierenden Welterfassung, bei der auf Adjektive getrost verzichtet werden kann.
Neuer Wort Schatz (30): Robert Schindel
Robert Schindel: Geschichtszauber. – Warum können wir uns nicht einfach den Glanzlichtern zuwenden, anstatt auf die dunkle Seite der Geschichte zu starren? Wie viel verlockender ist die Alternative, sich den angenehmen Seiten des Lebens hinzugeben und mit Körper und Geist im Einklang zu leben, als auf die bloße körperliche Existenz reduziert zu sein.
Neuer Wort Schatz (29): Adrian Kasnitz
Adrian Kasnitz: Pils. – Das Klischee sagt: Der Westfale ist wortkarg, störrisch, muffig. Die Gedichte aus Adrian Kasnitz’ jüngstem Band Den Tag zu langen Drähten sind westfälisch, und dies nicht nur insofern, als sie sich alle in Westfalen, seiner Landschaft, seinen Orten und seinen Eigenheiten bewegen. Sie sind auch spröde, sollen und wollen es sein, sind lakonisch und vielleicht bisweilen auch von einer gewissen Lethargie durchdrungen.
Neuer Wort Schatz II (28): Steffen Popp
Steffen Popp: Mondstudien. – Da sitzen sie auf der Holzbank in der Laubenkolonie, die verhinderten Kosmonauten, atmen Gemüsedunst und treiben Mondstudien mit dem Opernglas. Sind sie nicht ein Witz in ihren selbst gestrickten Hauben? Zweifellos, aber ein liebenswerter. Ohne Arroganz, ohne Überheblichkeit blickt hier jemand auf diese etwas schräge Idylle und lächelt still.
Neuer Wort Schatz II (27): Ulrike Almut Sandig
Ulrike Almut Sandig: russenwald. – Der »russenwald« ist vor allem ein Grenzgebiet der Sprache. Sandig will es beschreibend einnehmen und tastet sich nur an seinem Äußeren von Nebensatz zu Nebensatz, von Wort zu Wort entlang. »am ortsrand«, zwischen dem heimatlich Inneren und dem unbegreifbaren Äußeren verliert sich das ›wir‹.
Neuer Wort Schatz II (26): Luise Boege
Luise Boege: dame und flieger. – Es gibt Texte, die mich unmittelbar und doch ganz undeutlich ansprechen. Ich lese sie, und sie gefallen mir, ich analysiere sie, komme nicht gerade weit, und sie gefallen mir immer noch. Es sind Texte, die, obgleich sie in Sätzen klare Aussagen formulieren, sich in ihrem Inneren verlieren. Schneckenhaustexte, die ins Unendliche zirkeln.
Neuer Wort Schatz II (25): Monika Rinck
Monika Rinck: DIE, DIE ALLES HAT. – Allmählich wandelt sich die Bestandsliste und geht in eine Ereignisliste über: Auf die modische Armbanduhr und das poetische „windgewölb“ folgt das geöffnete Fenster samt (herein-)rasender Schleusentaube. Die folgenden Satzfragmente werden zu Bausteinen, aus denen sich das Gehirn ein Handlungsgebäude mehr schlecht als recht errichtet.
Neuer Wort Schatz II (24): Thomas Böhme
Thomas Böhme: DEN TEE MIT ERDE VERMISCHT. – Auch die Sehnsucht kann eine Sucht sein, taub gegen alle Argumente der Vernunft, besonders wenn sie sich auf Vergangenes richtet. Sinnlos, das Unwiederbringliche herbeizuwünschen, doch das Verlangen nimmt uns in den Klammergriff und wie wir da je wieder rauskommen (wenn wir es überhaupt wollen), weiß keiner.
Neuer Wort Schatz II (23): Christoph Leisten
Christoph Leisten: marrakesch, djemma el fna. – Das Ergebnis dieser sinnlichen Lektüre ist nun nicht das Verstehen der Schrift: Der Text schließt mit dem Bewusstsein darum, dass man sich einer ‚fremden’ Kultur zwar in immer kleineren und feineren Schritten annähern kann, sie aber in ihrer Tiefe nie komplett wird verstehen können: „darüber glaubten wir zu verstehen“.
Neuer Wort Schatz II (22): Giulia Radaelli
Giulia Radaelli: Frühling. – Die Orte der drei Gedichtteile liegen weit auseinander: Mittelitalien, Ostdeutschland, Dänemark, Java. Die Wegmarken dieser Orte: begrabene Bäume, ein Orchester, ein gefrorener Ast, die Blüten des Lotus. Bilder, vereinzelt, kein Gemälde.
Neuer Wort Schatz (21): Anja Utler
Anja Utler: und ich, 1. – Wie sich einem Gedicht nähern, das sich versagt, das in sich verstummt – unfreiwillig, vielleicht? Wie über eine Sprache reden, deren Unvermögen ihren Ausdruck bedeutet, deren Ringen um sich und deren Scheitern ihr Zeugnis ist?
Zu Neuer Wort Schatz II (20): Clemens Kuhnert
Clemens Kuhnert: stammtisch neukölln. – Endlich mal keine Cover, auf denen nackte Frauenrücken in mattem Morgenlicht posen, keine feuchten Unterhosen, nein, es gibt sie noch, eine Dichtung aus den guten alten Ingredienzen Melancholie, Männerfreundschaft, einer Prise Anarchie und Restalkohol.
Neuer Wort Schatz II (19): Sabina Naef
Sabina Naef: leichter Schwindel … – Steht die Miniatur insgesamt recht hoch im Kurs in der zeitgenössischen Lyrik – bei Sabina Naef wird sie zum Mittelpunkt einer ganzen Poetik. Aber diese konsequente Kürze schielt nicht nach der Pointe, hält größtmöglichen Abstand zur fixierenden Sentenz.
Neuer Wort Schatz II (18): Ulrike Brügger
Ulrike Brügger: Das lyrische Ich. – Was für ein sperriger Titel (außer für Lyriker)! Aber welch eine leuchtend rote Überraschung in der Mitte der ersten Strophe! Und überhaupt, diese sich über fünf Zeilen erstreckende Klammer – ist da nicht Verschiedenes durcheinander geraten?!
Neuer Wort Schatz II (17): Jan Skudlarek
Jan Skudlarek: ausgang, zurück. – Skudlareks Leser wird Zeuge einer gewalttätigen Sprachtransformation: Gelten sprachliche Äußerungen zunächst als aggressive Schmarotzer („Endoparasiten“), die den Sprecher von innen heraus aufzehren und so jede Form der Verständigung verunmöglichen, so erleiden sie, einmal artikuliert, ein ähnliches Schicksal: Von Macheten kleingehackt, bleibt von ihnen nichts anderes übrig als das auf den Gedichttitel verweisende „sterbenswort“ „zurück“.
Neuer Wort Schatz II (16): Jürgen Brôcan
Jürgen Brôcan: Spin-Off eines Gedichts von Jorie Graham. – Es gibt mindestens zwei Arten von Kunst. Eine, die durch ihre Schönheit betört, bei der Fragen erst nach einer Zeit der Betrachtung, nach einer Art Sättigung aufkommen, und die zweite, die die Gedanken sofort kreiseln lässt, die wie ein Fragengenerator wirkt. I
Neuer Wort Schatz II (15): Jürgen Nendza
Jürgen Nendza: Hinterland I-IV. – Anspielungsreich komponiert, wird dieser Zyklus insgesamt selbst zu einem „Gedächtnissprung“, in dem sich das eigene Erleben der Alltagsumgebung vermengt mit einer (immer) noch zu ergründenden Geschichte, und so ein völlig neues Licht wirft auf alles, was einem doch allzu vertraut, ja bisweilen heimatlich erscheinen will.
Neuer Wort Schatz II (14): Jan Wagner
Jan Wagner: steinway. – Ein Kind kniet auf einem zugefrorenen See, schaut durch die Eisschicht hinab ins Dunkel und entdeckt „zwischen algen und kristall“ große, silbrig schimmernde Fische, die still im Wasser stehen. Gibt man als Leser noch etwas Wintersonne und dampfenden Atem hinzu, glaubt man sich selbst zu sehen, vor langer, langer Zeit.
Neuer Wort Schatz II (13): Philip Maroldt
Philip Maroldt: sepsis. – Was mich an Philip Maroldts sepsis schon beim ersten Hören beeindruckt hat, ist die Unerbittlichkeit der poetischen Notaufnahme. Verblüffend deutlich steht dem Text die ganz und gar nicht selbstverständliche Gewissheit eingeschrieben, dass die kontaminierte Paradies-Wirklichkeit des Körpers Keimzelle des Schönen ist.







