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Um der Wahrheit willen Mariane Pearl, die Frau eines in Pakistan entführten und hingerichteten amerikanischen Journalisten, erinnert sich in bewegender Weise an dessen Leben und letzte Wochen. Man hat sich an diese Nachricht fast schon gewöhnt. Irgendwo unter vermischte Weltnachrichten wird über einen verschleppten, bedrohten, getöteten Journalisten berichtet. Man reagiert zynisch („Berufsrisiko“) oder flüchtig und teilnahmslos. Gäbe es nicht Organisationen wie vor allem die Reporter ohne Grenzen, dann wären diese Ereignisse schnell vergessen. Die Statistik aber ist erschreckend. Allein im Jahre 2003 sind über 40 Journalisten im Rahmen ihrer beruflichenRead More

Posted On März 14, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Ford Madox Ford: Manche tun es nicht

Zwischen Ehrenkodex und Intrigen Endlich liegt mit „Manche tun es nicht“ ein Hauptwerk von Ford Madox Ford in deutscher Übersetzung vor und versetzt die Leser auf erstaunlich avancierte Weise in die englische Gesellschaft zu Anfang des letzten Jahrhunderts. Ford Madox Ford ist einer der wichtigsten Vertreter der englischen Moderne und steht in einer Reihe mit Autoren wie James Joyce, T.S. Elliot, Virginia Woolf oder Joseph Conrad. Rund 30 Romane und unzählige Aufsätze und Rezensionen hat der 1873 in London geborene und 1939 in großer Armut verstorbene Schriftsteller verfasst. Als HerausgeberRead More

Posted On März 14, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Dirk Wittenborn: Unter Wilden

Ohne Nachhall Für einen neuen Fänger im Roggen reicht es bei dem in die Jahre gekommenen Dirk Wittenborn nicht. Sein flott geschriebener Roman über das Erwachsenwerden bleibt ohne Nachhall. Wir schreiben das Jahr 1978 und der fünfzehnjährige Finn wohnt zusammen mit seiner Mutter in einem heruntergekommenen New Yorker Loft zwischen Lafayette und der Bowery. Während der anderweitig verheiratete Vater von Dirk Wittenborns Ich-Erzähler als berühmter Ethnologe die Yanomani im Amazonas-Regenwald erforscht, verdient seine Mutter Elizabeth ihre Brötchen als Masseurin und lebt ansonsten noch mitten in der Flower-Power-Zeit: „Mit den DrogenRead More

Posted On März 14, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Jean-Claude Izzo: Die Sonne der Sterbenden

Anwalt der Underdogs Schon in seiner grandiosen Marseille-Trilogie rund um den melancholischen Polizisten Fabio Montale hat Jean-Claude Izzo den Zugewanderten, Ausgestoßenen und Gescheiterten der französischen Gesellschaft ein besonderes Augenmerk geschenkt. In „Die Sonne der Sterbenden“ beleuchtet er nun in halb-dokumentarischer Weise das Leben auf der Straße und rückt das immer noch romantisierende Bild vom weinseligen Clochard zurecht. Gleich im Prolog erleben wir das würdelose Sterben von Titi, der den „Winter in sich trägt“ und Tag für Tag immer mehr den Boden unter den Füßen verliert. Das Leben zwischen Pariser Metrostationen,Read More

Posted On März 14, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Frank Goosen: Mein Ich und sein Leben

Witziger Egotrip Dass der Bochumer Kabarettist und Autor Frank Goosen nach gerade einmal zwei Romanen im vergangenen Jahr mit dem Literaturpreis Ruhrgebiet geehrt wurde, hat auch ihn selbst überrascht. Schließlich sieht er sein literarisches Schaffen mit Stolz als „Unterhaltungsliteratur“ – und dies erfüllt er auch in seinem neuen Buch im besten Sinne. Doch Goosens literarische Karriere scheint voll von Überraschungen zu sein. So war zwar nach dem Ende des überaus erfolgreichen Vortragsduos „Tresenlesen“ zu erwarten, dass ein eingeschworener Fankreis das geschriebene Wort Goosens begierig aufnehmen würde, doch dass Liegen lernenRead More

Posted On März 14, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

David Zeman: Das Pinocchio-Syndrom

Dr. Mabuse lebt Verschwörungstheorien und Terrorszenarios haben seit den Anschlägen vom 11. September Hochkonjunktur und finden zunehmend auch in der Literatur Widerhall. David Zeman liefert in seinem Debüt „Das Pinocchio-Syndrom“ dafür ein hochbrisantes, wenn auch literarisch nicht gerade überzeugendes Beispiel. Schon der Prolog ist ein Paukenschlag: Ein Kreuzfahrtschiff voller hochbegabter amerikanischer Jugendlicher wird von einer Rakete mit Atomsprengkopf vernichtet. Kurze Zeit später bricht eine rätselhafte Krankheit aus, bei der die Betroffenen wie zu Stein erstarren und nach monatelanger Leidenszeit versterben. Der amerikanische Vizepräsident ist eines der ersten Opfer. Alles deutetRead More

Posted On März 14, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Mark Costello: Paranoia

Warten auf den Wahnsinn In naher Verwandtschaft zu Don DeLillo zeigt Costello uns eine paranoische Gesellschaft, die auf Kontrolle fixiert ist und die, um diese aufrecht zu erhalten, groteske Sicherheitssysteme aufbaut und in einem zerreißenden Zustand ständiger Bereitschaft lebt – ein in sich kreiselndes Paradox. Beschaulich und mit einem leicht skurrilen Touch lässt Mark Costello seinen Böses ahnen lassenden Roman „Paranoia“ einsetzen: In Center Effing, einem kleinen Kaff an der Küste New Hampshires, umgeben von Salzwiesen und einem Air-Force-Stützpunkt, lebt zu Carters Zeiten die Familie Asplund. Vater Walter ist einRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Helen Zahavi: Donna und der Fettsack

Fight fire with fire Eine toughe Frau führt Rachefeldzug gegen feindliche Männerwelt 1991 mischte die Engländerin Helen Zahavi den Literaturbetrieb gehörig auf: Ihr Roman „Schmutziges Wochenende“ schildert recht drastisch den Vernichtungsfeldzug einer Frau gegen die feindliche Männerwelt. Insbesondere diese Männerwelt war nicht allzu begeistert vom Tonfall des Romans, was vor allem daran liegen dürfte, dass Männer hier nicht allzu gut wegkommen (um ehrlich zu sein, kommen sie gar nicht mehr „weg“, wenn sie an Bella, die Heldin des Romans geraten sind). Nach „True Romance“ (deutscher Titel „Dirty Games“ !!) kehrtRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Tanja Schwarz: Der nächtliche Skater

Vielversprechende Neuentdeckung Es ist noch gar nicht so lange her, da hätte eine Autorin um die Dreißig keine Chance erhalten, mit einem Erzählband zu debütieren. Zunächst musste ein Roman her, in dessen Kielwasser sich auch Kurzprosa vermarkten ließ.Doch Kurzprosa hat in den letzten Jahren enorm an Renommee und Ansehen bei Lesern und Kritikern gewonnen – nicht zuletzt dank der Wiederentdeckung Raymond Carvers oder (im deutschsprachigen Raum) der Neuentdeckung Judith Hermann. Eine dieser zu entdeckenden Stimmen ist auch die von Tanja Schwarz. Nach dem Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig hat esRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Keith Lowe: Auf ganzer Linie

Top, die Wette gilt „Auf ganzer Linie“ ist ein rasanter und ungemein witziger Roman. Eine Hass-Liebeserklärung an das ebenso marode wie wichtige Londoner Fortbewegungsmittel U-Bahn. Was Männer nicht alles leisten, wenn sie das Wettfieber greift: Da wettet einer im Jahr 1872, die Erde in 80 Tagen umrunden zu können, ein anderer wettet im Jahre 2001, das Londoner U-Bahn-Netz an einem Tag komplett abfahren zu können. Nun gut, die Erdumrundung ist heute ein Klacks, aber die Londoner Underground ist feindliches Terrain für jeden, der es eilig hat. Der 1970 geborene KeithRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Joseph OConnor: Inishowen Blues

Ein brillanter irischer Erzähler Joseph O‘Connor schlägt mit diesem Roman die Brücke von der großen irischen Erzähltradition zu Amerikanern wie John Irving oder Matt Ruff. „Der Gitarrist hieß Rory Gallagher und er kam aus Ballyshannon (…). Die Touristen sahen einander mit missbilligendem Stirnrunzeln an. JEDEN ABEND VOLKSMUSIK. Das stand auf dem Schild im Fenster. Aber das hier war eindeutig keine Volksmusik. Jedenfalls nicht in Donegal.“Was Joseph O‘Connor mit „Inishowen Blues“ vorlegt, ist ebenfalls weit von Folklore entfernt. Die aktuelle Schriftstellergeneration Irlands lässt sich nicht mehr vor den verklärten Trinker-Karren spannen.Read More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Will Self: Wie Tote leben

Nach dem Tod ist vor dem Tod Großartige literarische Abrechnung mit unserer Gesellschaft und ein Heidenspaß für alle, die nicht zu empfindlich sind. Er ist so etwas wie das enfant terrible der britischen Literaturszene. Tabubrüche sind sein Markenzeichen und nichts scheint ihm eklig genug zu sein – dennoch ist Will Self alles andere als ein Trash- oder Underground-Autor, sondern gehört zu den Bestsellern. Er spielt mit literarischen Traditionen, weiß mit Sprache virtuos umzugehen, offenbart trotz seines Hangs zur Provokation eine Menge Feingefühl. Sein neuer Roman „Wie Tote leben“ ist eineRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Frank Schulz: Morbus fonticuli

Communication Breakdown Frank Schulz schafft den Sprung in die erste Garde der deutschsprachigen Literatur. Zehn Jahre ist es nun her, dass mir mit „Kolks blonde Bräute“ der ultimative Kneipen-Roman in die Hände fiel. Bereits mit dem ersten Satz fesselte dieses Erstlingswerk meine Aufmerksamkeit: „Strapse! Schwarze Strapse!!“ hieß es dort und zeigte eine Richtung an, in die es gehen sollte. In die andere Richtung schwenkt der Roman kurz darauf, als die leichtbekleidete Blondine dem überrumpelten Briefträger Kolk ein „guhdgekültiß Bier im Kühlschrang“ in Aussicht stellt. Sex und Saufen sind die beherrschendenRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Stephen Fry: Der Sterne Tennisbälle

Die neuen Leiden des Grafen von M.C. Fry versteht es, Spannung und Witz auf hohem intellektuellen Niveau zu kombinieren. Dieser Mann ist einfach wunderbar. Als Schauspieler in „Oscar Wilde“ oder „Peter‘s Friends“ weiß Stephen Fry ebenso mitzureißen wie als Sprecher der englischen „Harry Potter“-Hörbücher. Seine Kolumnen und seine drei bislang erschienenen Romane sind – ebenso wie seine Autobiographie – Glanzlichter britischen Humors. Fry versteht es, Spannung und Witz auf hohem intellektuellen Niveau zu kombinieren – und genau das führt er auch in seinem neuesten Werk eindrucksvoll vor: Der zunächst seltsamRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht

Zauberhafte Fantasiereise Was für ein Werk! Es ist einfach kaum zu glauben: Vor rund zehn Jahren drängte eine Figur mit dem wohlklingenden Namen „das kleine Arschloch“ auf den Comic-Markt. Walter Moers, der geistige Vater des kleinen Tabubrechers, trat einen – auch durch bayrische Staatsanwaltschaften – nicht zu bremsenden Siegeszug an. Schwer vorstellbar, dass der Schöpfer des „Kleinen Arschlochs“ und des aus der „Sendung mit der Maus“ bekannten „Käpt‘n Blaubär“ ein und die selbe Person sein sollen… Mit dem Roman „Die 13 ½ Leben des Käpt‘n Blaubär“ leitete Moers einen weiterenRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Juri Rytchëu: Der letzte Schamane

Zauber aus dem Eis Der Márquez der Eiswüste hat seine „Hundert Jahre Einsamkeit“ geschrieben… Schon Juri Rytchëus Roman „Teryky“, diese maärchenhafte Liebesgeschichte vom Rand der uns unbekannten Welt, hat sich für immer einen Platz in meinem Herzen erobert. Und auch in den Buchhandlungen haben sich die Romane Rytchëus zu Longsellern entwickelt: Der erste Autor des nur zwölftausend Menschen zählenden Volkes der Tschuktschen hat im Laufe der Jahre ein Vielfaches an Lesern gewinnen können. Er ist die Stimme einer alten Kultur, die zwischen der (früheren) Sowjetunion und den USA zu verschwindenRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Paul Brodowsky: Milch Holz Katzen

Kurze Glanzlichter Mit klaren und dennoch poetischen Bildern entführt Brodowsky in merkwürdige Zwischenwelten, er findet für Ängste und Sehnsüchte ungewohnte und dennoch stimmige Worte. Diese Prosahappen wecken den Appetit auf mehr. Auch Suhrkamp-Autoren werden offenbar immer jünger. Paul Brodowsky, der mit seinem Prosaband „Milch Holz Katzen“ im Regenbogenspektrum der edition Suhrkamp debütiert, ist gerade mal Jahrgang 1980. Er studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und ist Mitherausgeber eines überaus empfehlenswerten Literaturmagazins mit dem schönen Titel „Bella triste“. 45, häufig nur eine halbe Seite umfassende, Prosaminiaturen versammelt der dünne Band.Read More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Ulrike Draesner: Mitgift

Seitenwechsel Ulrike Draesner schafft es, schon auf den ersten Seiten, mit der bloßen Schilderung eines belanglosen Kindergeburtstages die Leser für sich zu gewinnen und Spannung aufzubauen. Und mit welcher fragilen Wucht (sic!) sie Magersucht in Prosa fasst, kann einem schier die Sprache verschlagen. „Bedingungslose Hingabe an ihren Freund ist Aloes Wunsch, aber Lukas, Astronom von Beruf, denkt in intergalaktischen Entfernungen, weniger in alltäglicher Nähe. Auch Aloe, so aufgeklärt sie ist, leidet unter den Heimlichkeiten ihrer Kindheit: Was verbirgt sich hinter der Schönheit ihrer Schwester?“ Mal ehrlich: Hätten Sie das Buch,Read More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Mirko Bonné: Ein langsamer Sturz

Gaaaanz langsaaaam In Bonnés Roman herrscht die gepflegte Langeweile vor. Schade, dass der Autor die vielversprechende Ausgangssituation seiner Geschichte nicht zu nutzen wusste. Mirko Bonné wurde beim diesjährigen Ingeborg Bachmann-Wettbewerb für seine Erzählung „Auszeit“ mit dem Ernst Willner-Preis ausgezeichnet. Doch sein jüngster Roman vermag nicht gänzlich zu überzeugen. Beim Landeanflug auf einen türkischen Flughafen sieht Mario Ries auf dem Nachbarrollfeld ein verunglücktes Propellerflugzeug. In dieser Maschine hätte er sitzen sollen. Was wie der Beginn eines wiedergewonnenen Lebens scheint, ist jedoch nicht mehr als eine Station auf dem Weg nach unten,Read More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Frank Goosen: Pokorny lacht

Ansichten eines Clowns In seinem zweiten Roman kann Frank Goosen mühelos die hohen Erwartungen erfüllen, die sein erfolgreicher Erstling „Liegen lernen“ geweckt hat. Wieder einmal gelingt ihm die feine Balance zwischen Tragödie und Komödie mit einer Leichtigkeit, die im deutschen Sprachraum eher selten ist. Nachdem „Liegen lernen“ über weite Strecken an Figuren aus seinen Bühnenprogrammen angelehnt war, durfte man nun gespannt sein, wie sich Goosen vom Kabarett löst und auf dem weiten Feld der Fiktion bewährt. Eine definitive Antwort auf diese Frage bleibt jedoch auch der zweite Roman schuldig, dennRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Markus Orths: Lehrerzimmer

Kafka und Bernhard auf Klassenfahrt Markus Orths hat sich mit diesem Roman sowohl eine Eins verdient als auch einen Eintrag ins Klassenbuch wegen Störens. Dass ein junger Autor innerhalb kürzester Zeit mit gleich drei Büchern in das Programm eines renommierten Verlags aufgenommen wird, kommt nicht allzu häufig vor – allerhöchstens vielleicht im Umfeld der so genannten Pop-Literatur, die nicht zuletzt weitestgehend von ihrer Aktualität und ihrem Wiedererkennungswert lebt. Doch der in Karlsruhe lebende Markus Orths kann kaum dieser Gruppe zugerechnet werden. Nach dem Erzählungsband Wer geht wo hinterm Sarg? (2001)Read More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Peter Weber: Bahnhofsprosa

Magische Reise Webers Prosa glänzt mit ungewöhnlichen Bildern, erschafft eine magische Stimmung. Peter Weber, Jahrgang 68, nimmt uns in „Bahnhofsprosa“ auf eine zutiefst verstörende, magische Reise mit. Ausgangsort dieser Reise in 24 Prosa-Etappen ist eine prächtige Bahnhofshalle. Hier sitzt der Erzähler im „üppig aufwachsenden Gerede, das (…) die Decke entlangufert“. Er fühlt sich an die Sixtinische Kapelle erinnert, an eine nahezu heilige Stimmung, die vom sinnentleerten Gebrabbel der Massen gestört wird. Doch die „Stille in der Sixtinischen Kapelle ist heilig, während vollkommene Stille in der Bahnhofshalle heillos ist“. Der ErzählerRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Michael Kimball: Eine Familie verschwindet

Tragisches Roadmovie Was für eine großartige Geschichte! Ein kleiner Junge erzählt, wie seine Familie nach dem Tod des Babys das geordnete Kleinstadtleben hinter sich lässt und mit dem Wohnmobil eine Odyssee durch die USA antritt. Sie brechen dabei sämtliche Brücken hinter sich ab; die Möbel, das Haus werden zu Geld gemacht, die Wiege des kleinen Bruders und andere Babysachen reichen für die erste Teilstrecke. Nach und nach versetzt die Familie Schmuck, Spielzeug, Kleidung und sogar Autoteile. Mit jedem gefahrenen Kilometer lässt man Erinnerungen hinter sich, das Medaillon der Schwester, dasRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Leander Scholz: Windbraut

Schmerzhafte Liebe Im letzten Jahr erregte der 1969 geborene Leander Scholz Aufsehen mit seinem Roman „Rosenfest“, in dem er den Tabubruch beging, die Geschichte von Andreas Baader und Gudrun Ensslin als Liebesgeschichte zu erzählen. Zwar haben die 68er im vergangenen Jahr in Literatur und Film eine ungeahnte Renaissance erlebt, doch durfte sich jemand dieses Themas annehmen, der die Zeit nicht selbst erlebt hat? Nun ist Scholz in der Gegenwart angelangt – oder zumindest in den Neunzigern. Held seines neuen Romans ist Lenz, vierundzwanzig und ein Jahr alt. Vor einem JahrRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Siri Hustvedt: Was ich liebte

Porträt des Künstlers als alter Mann Wer nach einer Crime-Story Ausschau hält, ist mit diesem Roman schlecht bedient. Für Was ich liebte muss man sich Zeit nehmen wie etwa auch für die Romane von James Salter. Man wird belohnt mit kunstvollen Porträts, die sich zu einem Museum der menschlichen Psyche zusammenfügen. Und in dessen Ausstellungssälen lässt sich stundenlang lustwandeln, ohne dass man sich an den Werken satt sähe. Es kann eine Last sein, wenn Lebens- oder Ehepartner in denselben Gewässern fischen. So wurden die Bücher von Siri Hustvedt zunächst rechtRead More

Posted On März 13, 2004By Frank SchorneckIn Bücher, Litmag

Jamie ONeill: Im Meer, zwei Jungen.

Wilde’s, zerrissenes Irland Wenn ein irischer Autor seinen Roman At Swim, two Boys nennt, so kann er sich der Aufmerksamkeit vieler gewiss sein. So weckte dieser Roman bei unserem letzten Irland-Aufenthalt bereits unser Interesse – aber 700 Seiten in der Originalsprache, das braucht – seien wir ehrlich – schon ein bisschen mehr Zeit als uns so bleibt. Nun liegt der Roman auf Deutsch vor und der routinierte Übersetzer Hans-Christian Oeser hat es vermieden, auch im deutschen Titel die Nähe zu Flann O’Brien zu suchen. Und diese Entscheidung ist richtig, dennRead More