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Posted On Februar 26, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Max Aub: Jusep Torres Campalans

Ein exquisites Schelmenstück Das Buch war eine Sensation – und ein Riesenschwindel, ein ungeheures Fake, das bis heute für zündenden Diskussionsstoff sorgt. Max Aub hatte die Biographie von A-Z erfunden und einen avantgardistischen Coup sondergleichen gelandet. Ihm ist es, wie Mercedes Figueras in ihren Nachwort schreibt, „gelungen, mit dem Wort die Wirklichkeit umzuwerten und damit eines, wenn nicht das große Grundthema der modernen Kunst auf eine neue, überraschende Weise in Szene zu setzen: die Spannung zwischen Fiktion und Realität.“ 1960 erschien in Paris ein Buch, das die Feuilletons der WeltRead More

Posted On Februar 26, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Rick Moody: Ein amerikanisches Wochenende

Vom Wahnsinn der Normalität Von Seite zu Seite und bis an den Rand des Erträglichen verdichtet Rick Moody in „Ein amerikanisches Wochenende“ eine lähmende und morbide Familienatmosphäre. Hex Raitliffe ist ein typischer Versager: ein stotterndes Muttersöhnchen voller Komplexe, ohne Erfolg im Beruf, halbwegs impotent und latent alkoholabhängig. Plötzlich wird er von seiner schwerkranken und hilflosen Mutter aus New York in die trostlose Normalität eines Kaffs an der Küste von Connecticut zurückgerufen. Für Hex ist es auch eine Rückkehr in die alte Heimat: „Die Vergangenheit verdichtet sich um ihn … seineRead More

Posted On Februar 26, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Toby Litt: Unterwegs mit Jack

Müder Abklatsch In Toby Litts Erstling ist trotz Anrufung aller Heroen von Rimbaud bis Ginsberg rein gar nichts mehr vom verzehrenden Feuer der Beats übriggeblieben. 1957 setzte Jack Kerouac mit seinem atemlos dahingehämmerten „On the road“ einen Mythos in die Welt, von dem noch viele Generationen nach ihm zehren sollten: Ein rauschhaft-literarisches „Beat“-Leben voller Tempo, Jazz, Drogen und Sex. Vier Jahrzehnte später führt Toby Litt diesen Mythos in seinem Erstling „Unterwegs mit Jack“ an ein klägliches Ende: Im englischen Bedford versuchen sich „Jack“, „Neal“ und das „Chick“ Meggie an einerRead More

Posted On Februar 26, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Steve Tesich: Abspann

Keine Wahrheiten mehr Der 1996 kurz nach der Fertigstellung von „Abspann“ verstorbene Steve Tesich hat mit Saul Karoo einen grandiosen Anti-Helden geschaffen, der zu den virtuosesten und luzidesten Zynikern der Literaturgeschichte zählen dürfte. Saul Karoo ist ein übergewichtiger, kettenrauchender Alkoholiker und in einem „Alter, in dem alles kaputtgeht“ – von den letzten Illusionen über die Ehe bis zur Prostata. Doch das alles wäre nur halb so schlimm, hätte er nicht zu allem Überfluß auch noch eine merkwürdige Alkohol-Immunität entwickelt: Je mehr Bloody Maries, Gin Tonics und Champagner Saul Karoo wahllosRead More

Posted On Februar 26, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Sven Lager: Phosphor

Meister der poetischen Wahrnehmung „Mit den Ohren kann man mehr sehen als mit den Augen“ denkt sich Sven Lagers Ich-Erzähler und jagt den Leser von der ersten Seite an durch einen rasenden Kosmos aus Geräusch-Molekülen. Er, dem das Rauschen einer Stadt „alle Geschichten der Welt erzählen kann“, bannt faszinierende „Landschaften aus Strom“, das „Zischeln der Autobahn“ oder die komplexe Klang-Architektur der Techno-Clubs auf das Papier: „ein unendlicher Ton über den harten Würfeln des Baß; schmatzender Sirup, Nadeln eines Breakbeatbogens tauchen auf, kichern, werden zu zitternden Blechscheiben, wütenden Regentropfen. Sven LagersRead More

Posted On Februar 26, 2004By Karsten HerrmannIn Litmag, Porträts / Interviews

Wladimir Kaminer im Gespräch

Berühmt zu sein ist sehr anstrengend Karsten Herrmann im Gespräch mit Wladimir Kaminer. Vor zehn Jahren sprach Wladimir Kaminer noch kein Wort deutsch. Heute, nach zwei Erzählbänden und seinem Debut-Roman „Militärmusik“ ist er der Shooting Star in der jungen deutschen Literaturszene: Regelmäßig schreibt das 34jährige Multitalent für FAZ und TAZ Kolumnen, moderiert beim SFB eine eigene Sendung und veranstaltet im Kaffee Burger am Prenzlauer Berg seine mittlerweile schon legendäre „Russendisco“. „Russendisco“ hieß auch Vladimir Kaminers erster Erzählband, in dem er, der 1990 aus Moskau nach Deutschland übergesiedelt war, ganz ohneRead More

Posted On Februar 26, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Michael Roes im Porträt

Ein (Werk-) Porträt des Michael Roes Roman ohne Ufer Kaum ein deutscher Autor nutzt den Roman gegenwärtig so intensiv als Gattung unbeschränkter Möglichkeiten wie der 1960 geborene Michael Roes. Statt eines linearen Plots mit stetig steigendem Spannungsbogen und der fesselnden Illusion des Tatsächlichen finden wir bei ihm den Schnitt, die irritierende Leerstelle und ein wahres Feuerwerk der Perspektiven und Diskurse – Ethnologischer Forschungsbericht, (Trans-) Gender Studies, Dokument, Literaturkritik und reflexive Selbsterforschung gehen hier eine faszinierende Verbindung mit Elementen des Abenteuerromans und actionreichen „hard boiled“-Passagen ein. Michael Roes macht es demRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Tristan Egolf: Monument für John Kaltenbrunner

Ein unwiderstehliches Inferno Fiebernd-furios jagt Tristan Egolf seine Geschichte dahin, voller ungezügelter Energie, sarkastischem Humor und sprühendem Sprachwitz. Tristan Egolf schreibt mit der unwiderstehlichen Wucht einer Dampfwalze: anarchisch, sinnlich, roh. Der 29jährige Debutant aus den USA hat mit in seinem „Monument für John Kaltenbrunner“ eine Geschichte in die Tasten gehämmert, die weit entfernt ist von standardisierten „Creative Writing“-Produkten und ihrem Marktkalkül. Hier hat ein ungeheuer kraftstrotzendes und eigenwilliges Leben seine Spuren eingebrannt, wie es Tristan Egolf geführt haben mag, nachdem er das College geschmissen, in einer Punkrockband gespielt und durchRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Wetterleuchten! Künstler-Manifeste

Die Revolten und Utopien der Avantgarden Die „Kleine Bücherei für Hand und Kopf“ der Hamburger Edition Nautilus ist seit vielen Jahren eine Fundgrube für die Texte der Avantgarde, der Vergessenen und Verfemten. Mit einer – unkommentierten! – Sammlung von Künstler-Manifesten des 20. Jahrhunderts bietet sie nun einen exemplarischen Spaziergang durch die gesamteuropäischen Revolten und Utopien von den Futuristen über die Dadaisten, Surrealisten, Lettristen und Situationisten bis hin zu Joseph Beuys berühmten Diktum „Jeder ist ein Künstler“. Mit einer gehörigen Portion Pathos werden in diesen Manifesten schallende „Ohrfeigen für den öffentlichenRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Ignacio Garcia-Valino: Der kirschrote Schuh

Dümpelnde (Liebes-) Suche Der junge spanische Autor Ignacio Garcia-Valino überzeugt zu Anfang dieser Geschichte durchaus mit seiner poetisierten und reizvoll flanierenden Großstadtprosa. Doch im Fortgang des Buches verflachen sowohl – zumindest in der Übersetzung – Sprache wie Spannungsbogen und Ignacio Garcia-Valino verfällt zunehmend in einen banalen bis pseudo-philosophischen Plauderton. Eine verzwickt-verwickelte „ménage à trois“ bildet den fast klassischen Ausgangspunkt für Ignacio Garcia-Valinos Roman „Der kirschrote Schuh“: Im Kampf um die Liebe der mysteriösen Sara, die später einmal als „ein Polyeder mit scharf geschliffenen, gläsernen Kanten“, als eine „Katastrophentombola“ beschrieben werdenRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Patrick McCabe: Breakfast on Pluto

Mit frischen Schwung durch eine grausam-groteske Welt In kurzen, knackigen Episoden von einer geradezu heiteren Obszönität lässt der 1955 geborene Ire Patrick McCabe das Leben und Träumen seines zwielichtigen Protagonisten aufblitzen. Mit einem alten Hauskittel und Kopftuch hockt Mütterchen Riley in einem kleinen Appartment und schreibt für ihren Psychiater in „schmutzigen, saftigen Einzelheiten“ ihr Leben auf: Auf die Welt gekommen war sie nach einem wollüstigen Fehltritt des katholischen Paters Bernard Mc Ian im nordirischen Kaff Tyreleen als Patrick Braden. Abgeschoben zu einer schlampigen Ersatzmutter und inmitten von bitterer Armut undRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Andre Dubus: Haus aus Sand und Nebel

Im Strudel aus Hoffnung, Liebe und Hass Andre Dubus erzählt diese Geschichte aus den wechselnden Ich-Perspektiven seiner Protagonisten und reißt den Leser immer tiefer hinein in einen Strudel aus Angst und Verzweiflung, Hoffnung und Liebe. Tagsüber sammelt Massoud Behrani für ein paar Dollar den Müll von den hitzeflirrenden Asphaltbändern der Highways rund um San Francisco. Abends steigt der 56jährige mit einem frischen Anzug in seinen klimatisierten Buick und fährt zu Frau und Kindern heim in die 3000-Dollar-Wohnung. Massoud Behrani ist ein hochdekorierter und exilierter Colonel der kaiserlich-persischen Luftwaffe und mussRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Christian Kracht: Der gelbe Bleistift

Ein Dandy in der weiten Welt Christian Kracht betrachtet die Welt konsequent als ein rein ästhetisches Phänomen: das zeigte schon sein Debut-Roman „Faserland“, in dem er seinen blasierten Ich-Erzähler quer durch die Republik schickte, das zeigte sich in dem zusammen mit Benjamin von Stuckrad-Barre, Joachim Bessing und anderen verfassten Manifest „Tristesse Royale“ – und das bestätigt sich nun wiederum in seinem neuesten Werk. In „Der gelbe Bleistift“ sind Reisereportagen aus allen Ecken und Winkeln Asiens versammelt, die Christian Kracht zwischen 1992 und 1999 für die „Welt am Sonntag“ geschrieben hat.Read More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Rainald Goetz: Dekonspiratione

Verloren im Mahlstrom des Jetzt Locker verbunden durch die scheiternde Liebe seiner Protagonisten Katharina und Benjamin montiert Rainald Goetz in „Dekonspiratione“ ein zersplittertes Medien-Panorama zusammen. Im Zentrum steht die Agentur „Public Sword“, die den „Hunger“ der Medienbranche „nach Inhalt“ stillt und neue Konzepte für die Harald Schmidt-Show oder den nächsten „Dietl“ erarbeitet. Am Rande murmeln „SZ“, „Zeit“ und „Spiegel“ in Zitaten und Schlagzeilen vor sich hin, da lesen Thomas Kapielski und Durs Grünbein, da dekliniert sich der Kulturschickeria- und Intellektuellen-Diskurs auf Vernissagen und Szene-Events virtuos durch – bis zum „RauschRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Patricia Görg: Glücksspagat

Das Glück der Bilder Nach der Lektüre bleibt nur die Erinnerung an einige faszinierende poetische Bilder, in denen Patricia Görg ihr literarisches Talent aufblitzen lässt. Patricia Görgs Protagonist Maat ist ein einsamer Pendler zwischen den Welten, er ist ein Pendler zwischen dem Heiligen und dem Profanen, zwischen der Ewigkeit und dem Vergänglichen: Jeden Morgen tritt er ein in seine grüne „Museumsschachtel“ mit ihren mythendurchwehten mittelalterlichen Meisterwerken, in denen Heilige ihre Segel setzen, fliegende Fische und Engel erscheinen und das Gold in den Zwischenräumen wächst – und jeden Abend taucht derRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Don DeLillo: Körperzeit

Im Jenseits der Zeit Nach dem epochalen Welttheater „Unterwelt“ beweist Don DeLillo mit einem kleinen Kammerspiel seine Meisterschaft. Rey und Lauren sitzen in der Küche eines einsamen Landhauses, er „hinter der Zeitung, im Kaffee rührend.“ Toast fluppt aus dem Toaster, Orangensaft wird geschüttelt, draußen zirpen die Vögel und Sätze schwirren aneinander vorbei in die Leere: „Ich wollte Dir was sagen, aber was?“ Mit wenigen Strichen zeichnet Don DeLillo in seinem neuen Roman „Körperzeit“ die klassische Situation eines Ehepaares, das sich vor langer Gewöhnung kaum noch wahrnimmt und stets aneinander vorbeiredet.Read More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Ralf Bönt: Gold

Auf der Höhe der Zeit „Gold“ überzeugt durch seinen ganz eigenständigen Sound und lässt den 37jährigen Ralf Bönt zu einem Hoffnungsträger der jungen deutschen Literatur werden. „Wir befinden uns am Ende des Jahrhunderts, in der Hauptstadt“ und „irgendwie fühlte man, dass Geschichte in der Luft lag, schwanger schien alles“ – in seinem zweiten Roman entwirft Ralf Bönt ein schwankendes Kaleidoskop des von grandiosen Medienmythen und desorientierten Menschen bevölkerten Berlin. Seine nur vordergründig so abgeklärten Protagonisten Anna, Lotte, Hans und Dorado stecken in einem verzwickten Wechselspiel aus Fehl- und Seitensprüngen, ausRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Stephan Maus: Alles Mafia. Eine Gangsta Rhapsodie

Brillante Hochgeschwindigkeitsliteratur Stephan Maus glänzt in „Alles Mafia“ mit einer collagenhaften und von unglaublichen Wortneuschöpfungen strotzenden Prosa, die ebenso aphoristisch-hintersinnig wie grotesk und obszön sein kann. Mit seinem zweiten Roman „Alles Mafia“ ist Stephan Maus zum kaum noch zu überholenden Hochgeschwindigkeitsliteraten in der jungen deutschen Autorengarde avanciert: im wummernden Techno-Takt und mit 120 beats per minute treibt er diese „Gangsta Rhapsodie“ gnadenlos schnell voran: „Die Metropole war ein unwirtliches Dickicht, ein pfeifender Risikoraum, ein blinkender Pups, ein chiffreartig verschweißter Makrochip, ein Gigafloperlebnispuff, ein hitzig abgewaveter Dudelsack voller Rambazamba-Performance.“ Durch dieseRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Litmag, Porträts / Interviews

Thor Kunkel im Porträt

Mit „absoluter Ignoranz und Zuversicht“ zum Durchbruch Rückblende auf den letzten Ingeborg Bachmann-Wettbewerb vor der Jahrtausendwende: Im Klagenfurter Weihetempel der jungen deutschen Literatur wartet die hehre Kritikerrunde und das gespannte Publikum auf den nächsten Kandidaten. Mit einem spitzbübischen Lächeln fläzt sich Thor Kunkel breitarmig auf seinem explosiven Stuhl und verliest nach einer programmatischen Celine-Einleitung ein ganz und gar nicht erbauliches, ganz und gar nicht erlesenes Fragment aus dem Leben seines Antihelden Kuhl – „Kuhl, 19, Ex-Fernsehtechniker, gelernter Versager, jetzt Nachtwächter“. Kuhl, der „Conasseur der Narkose“ und begnadete Moskowskaja-Säufer, suhlt sichRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

David Trueba: Vier Freunde

Generation X o­n the road David Trueba erzählt flott, humorvoll und schnörkellos – allerdings nicht ohne hin und wieder etwas zu dick aufzutragen und in die Nähe des Klischees zu geraten. Sie sind gegen Ende zwanzig und in einer Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen, sie haben nichts so richtig gelernt und trudeln ohne große Ziele durch ihr Leben – es ist die Generation X, die ebenso in Amerika wie in Europa beheimatet ist und sich auf einer ständigen Suche befindet: nach Freiheit und Abenteuer, nach Sinn und schnellem Sex. Und so machen sichRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Tom Wolfe: Ein ganzer Kerl

Pralles Sittengemälde des tiefen amerikanischen Südens Elf Jahre nach seinem Welterfolg „Fegefeuer der Eitelkeiten“ hat Tom Wolfe wieder einen Roman vorgelegt, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in seinen unwiderstehlichen Erzählsog zieht. Der notorische Dandy im weißen Anzug, der seit Jahren auf den reflexiv-experimentierfreudigen „magersüchtigen Roman“ schimpft, erweist sich hier als der Prototyp des realistischen amerikanischen Erzählers. Charlie Croker ist in einer nüchtern kalkulierenden, technokratischen Welt das letzte Exemplar einer aussterbenden Menschengattung: „Er war ein Spieler, ein Spekulant, ein Hasardeur, der den hohen Einsatz mehr liebte alsRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Geoff Dyer: Paris XTC

Das Glück im Hier und Jetzt Geoff Dyers „Paris XTC“ unterscheidet sich wohltuend von den flachen Life-Style-Erzeugnissen einer boomenden Pop-Literatur und hat das Zeug zu einem wahren Kultbuch. Auf den Spuren von Ernest Hemingway und Henry Miller treibt es den jungen Engländer Luke in das Paris der Neunziger, um „ein Buch zu schreiben“. Er bezieht im 1. Arrondissement eine häßliche, stickige Wohnung und streift einsam durch die Strassen und Kinos der mythenumwehten Seine-Metropole. Sehnsüchtig wartet Luke „auf das Glück, das die Stadt ihm verhieß“ – und erhascht es nur inRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Peter Jacobi: Mein Leben als Buch

Pfiffiges Spiel Peter Jacobi hat mit „Mein Leben als Buch“ einen höchst vergnüglichen und grotesken Roman geschrieben, der durch seine reichen literarischen Bezüge zu einem wahren Schmankerl für alle Bibliophilen wird. Stellen Sie sich vor, Sie wachen eine Morgens als Buch auf und es macht Ihnen rein gar nichts aus – und genau dies widerfährt dem „Büchertonnen“-Antiquar Dietrich Oger alias „Diogenes“. Die seltsame und Franz Kafkas „Verwandlung“ kolportierende Metamorphose schützt den fanatischen Büchernarr vor den banalen Zumutungen des alltäglichen Lebens. Statt sich mit seiner Frau Gisela und den Finanzproblemen seinerRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Wolfgang Hilbig: Das Provisorium

Geld regiert diese Welt Wolfgang Hilbigs zweiter Roman „Das Provisorium“ ist kein literarisches Vergnügen und mutet über weite Strecken wie eine schon fast anachronistische Kultur- und Konsumkritik an. Der Schriftsteller C. aus Leipzig reist in den späten achtziger Jahren mit einem Visum in den Westen und fühlt sich schon bald „überhaupt keiner Welt mehr zugehörig“. Sein Leben ist aus den Schienen gelaufen und hat unter der unentscheidbaren Frage „Wohin soll ich gehen“ nurmehr provisorischen Charakter. In endlosen Monologen sinniert C. über die verachtete, vergiftende DDR auf der einen und dieRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Jakob Hein: Formen menschlichen Zusammenlebens

Blasser Traum Jakob Hein erweist sich in seinem schmalen Roman als ein ganz und gar unspektakulärer Erzähler, der seine ruhig dahinströmende Prosa mit sublimen Witz und einer angenehmen Selbstironie grundiert. Jakob hat einen großen Traum: New York. Jakob hat aber auch ein großes Problem: Er lebt in der DDR und die verlockende Stadt mit der Freiheitsstatue scheint für ihn frühestens im Rentenalter erreichbar. So bleibt der Traum fern, wird aber emsig mit geheimen Lektüren unter der Bettdecke, einem Pullover mit dem Aufdruck „n.y.c.“ sowie englischen Wörtern genährt, die er lutschtRead More

Posted On Februar 21, 2004By Karsten HerrmannIn Bücher, Litmag

Maxim Biller: Die Tochter

Radikal und provozierend Kurz nach dem Erscheinen seines ersten Romans „Die Tochter“ hat Maxim Biller auf einem Autorentreffen in Tutzing dem deutschen Literatur- und Intellektuellenbetrieb eine schallende Ohrfeige verpasst und damit eine heftige Debatte ausgelöst. „Feige das Land, schlapp die Literatur“ betitelte er seine grandiose Schmährede wider die „fast schmerzhafte provinzielle Bedeutungslosigkeit“ und „vollkommene Morallosigkeit“ unserer gegenwärtigen Kultur. Der scharfzüngige Kolumnist charakterisierte die Deutschen in seiner Rede als ein „Volk von selbstsüchtigen, neurotischen Feiglingen“ in einem „Kartenhaus aus Besitzstandswahrungslügen“. An die Stelle von utopischen oder moralischen Kategorien sei einzig undRead More