All posts by Thomas Woertche

Literarische Abenteuer garantiert Thomas Wörtche über den Roman „Einige Einzelheiten über die Seele der Fälscher“ von Antoine Volodine Gerade beklagte sich der Literaturwissenschaftler Peter Brooks, dass wir zunehmend den Sinn für die „Fiktionalität von Fiktion“ verlieren, weil alles nur noch in „Narrativen“ verhandelt werde, selbst und gerade Geschichte.  Dem würde der enigmatische, französische Autor Antoine Volodine sicher zustimmen, und könnte auf sein schon 1990 entstandenes Werk „Einige Einzelheiten über die Seele der Fälscher“ verweisen, das nach mehr als 30 Jahren endlich auch auf Deutsch zu lesen ist. Über die komplexe EntstehungsgeschichteRead More
Die lange Dünung Gerade am Anfang eines Jahres sind Bestandsaufnahmen und daran anschließend Fragen nach Perspektiven und Trends beliebte Übungen. Die Kriminalliteratur werde immer diverser, heißt es da oft, die bisherige Peripherie rücke zunehmend ins Zentrum, die Literarizität nehme deutlich zu, und eine besonders wagemutige Kollegin träumte von der „großen Erzählung“ der Menschheitsgeschichte, die sich auch mittels der Crime Fiction endlich zum emanzipatorischen Telos hindrehen ließe.  Aber ist das wirklich so? Natürlich hat sich die Kriminalliteratur in den fast 150 Jahren ihrer Existenz verändert, sogar radikal, aber das ist, genauerRead More
Thomas Wörtche liest „Planet ohne Visum“ von Jean Malaquais „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen“ heißt es in Bertolt Brechts „Flüchtlingsgesprächen“ von 1940/41. Ohne Pass und ohne Visum dem Nazi-Terror in Europa zu entkommen, wenn man ein jüdischer Mensch war oder sonstwie einer verfolgten Gruppe angehörte, war schwierig bis beinahe unmöglich. Viele Menschen haben es geschafft, viele nicht, viele blieben im Limbo hängen. In Lissabon etwa oder eben in Marseille, das bis November 1942 noch zur „freien Zone“ Frankreichs gehöre, in die die Deutschen aber bald auchRead More

Posted On Februar 1, 2023By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag Februar 2023

TW zur neuen CD von Danny Dziuk

Unterm Radar „Unterm Radar“ heißt das neue Album von Danny Dziuk, und manche Vorlagen kann man sich einfach nicht entgehen lassen. Unterm Radar fliegen fiese Killerdrohnen, abscheuliche Marschflugkörper und anderes ekles Kriegszeug, übler Cyberkram sowieso. Unterm Radar bleiben mal schnell auch exzellente Kunstwerke, kreative Menschen und kluge Ideen, wenn sie nur ein bisschen von den Trampelpfaden des Mainstreams abweichen.  Unterm Radar passieren Dinge, die den offiziellen Wachsamkeitssystemen entwischen wollen, im Bösen und im Guten.   Singer/Songwriter Danny Dziuk sieht sich zwar selbst, glaubt man dem „Ich“ des Titelsongs (wir glauben nicht immerRead More

Posted On Dezember 31, 2022By Thomas WoertcheIn Highlights, Highlights 2022, News

Thomas Wörtche: Zuviel, um alles aufzuschreiben

Mein Tobevorwut-Wort des Jahres: „Klima-RAF“, damit das gleich mal gesagt ist. Und natürlich gab es noch viel mehr Tragödien, Schändlichkeiten, Ärgernisse und Frustbeulen, aber weil ich im Grunde ein mildes, heiteres Gemüt bin, soll´s jetzt eher um erfreuliche Dinge gehen, durchaus im fröhlichen Kraut & Rüben-Mix: Ein Kriegs-Comic in kriegerischen Zeiten? Ja, aber sicher: „Ernie Pike“ von Héctor Oesterheld & Hugo Pratt. Angelehnt an die Figur des realexistierenden Kriegsreporters Ernie Pyle inszenierten Szenarist Héctor Oesterheld (einer der ganz großen Kreativen des 20. Jahrhunderts) und Hugo Pratt (ja, der auch) seit 1957 nichtRead More
Thomas Wörtche über „Die rätselhaften Hojin-Morde“ von Seishi Yokomizu Natürlich könnte es sein, dass die Retro-Welle lichte Momente hat, und wirklich interessante, originelle und wichtige, bisher bei uns übersehene Bücher zu Tage fördert. Das Werk von Seishi Yokomizu (1902-1981), den ich nur von einem nach ihm benannten hochdotierten japanischen Preis für Kriminalromane kannte, könnte so ein Fall sein, dachte ich. „Die rätselhaften Hojin-Morde“ von 1946 (nicht von 1973, wie das Impressum des Aufbau-Verlages behauptet, und was die Frankfurter Rundschau nachbetet, ohne sich zu wundern, wie jemand, der 1981 fast hundertjährigRead More
Thomas Wörtche zum Buch über die Entstehungsgeschichte eines Kultfilms Man wundert sich schon ein wenig: Ein Buch über John Carpenters „Escape from New York“, dessen Filmographie gerade mal bis – eben – 1981 geht – also „Dark Star“ umfasst, „Assault“, „Halloween“, „The Fog“, sowie die TV-Arbeiten „Das unsichtbare Auge“ und „Elvis“, nebst dem Drehbuch zu „Die Augen der Laura Mars“? Keine Kontextualisierung, kein Wort über die urbanen Dystopien der Zeit, nicht zu Cyberpunk, nicht zu Philip K. Dick, nicht zu „Blade Runner“. „Titan Books 1981“, sagt das Impressum. Die HomepageRead More

Posted On November 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag November 2022, News

Thomas Wörtche zu Ray Lorigas Roman

Der Terror der Transparenz Angesichts leicht dystopischer Zustände, die zurzeit realiter herrschen, sind dystopische Romane weniger warnende Schreckensvisionen als Gedankenexperimente über eine als kontingent gedachte Zukunft. So auch “Kapitulation“ des spanischen Schriftstellers und Drehbuchautors (für u. a. Carlos Saura und Pedro Almodóvar) Ray Loriga. Erschienen 2017 in Spanien, also vor Pandemie und Krieg, sieht sein Szenario so aus: Irgendwo auf der Welt herrscht seit zehn Jahren Krieg. Wer gegen wen warum kämpft, bleibt völlig unklar. Das gilt auch für die Bevölkerung auf dem Lande, die unter den üblichen Kriegsfolgen leidetRead More
Der Kriminalliteratur auf den Text geschaut … Vom 30. September bis 02. Oktober 2022 trafen sich Literatur, Wissenschaft und Öffentlichkeit im Rahmen von Europas größtem Krimifestival „Mord am Hellweg“ zur Fachtagung Zur Ästhetik des Kriminalromans im Haus Opherdicke Holzwickede (Kreis Unna). Thomas Wörtche und Oliver Bottini kuratierten die Tagung. Hier können Sie die Eröffnungsrede von Thomas Wörtche nachlesen.Das Programm der Tagung hier. Teilweise gab es personelle Änderungen, weil Krankheit oder familiäre Angelegenheiten dazwischen kamen. Moderation: Antje Deistler, Andrea Gerk, Sonja Hartl, Alf Mayer und Ulrich Noller. Autorinnen und Autoren: Bernhard Aichner (Österreich), Petros Markaris (Griechenland), Garry Disher (Australien), Ivy Pochoda (USA), Dror Mishani (Israel), Elisabeth Herrmann und MerleRead More

Posted On Oktober 3, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

TW zum neuen Roman von Oliver Bottini

Gedankenspiele Oliver Bottinis neuer Roman, „Einmal noch sterben“, spielt hauptsächlich im Februar 2002. Der Krieg gegen den Irak ist von den USA ist längst beschlossene Sache, am 5. Februar hält Colin Powell seine berüchtigte „Massenvernichtungswaffen“-Rede vor der UNO-Hauptversammlung, um die „Koalition der Willigen“ auf Kurs zu bringen. Die deutsche Bundesregierung schließt sich dem nicht an. Das passt einer mächtigen Gruppierung innerhalb und außerhalb des Bundesnachrichtendienstes überhaupt nicht, stützt sich doch die Argumentation der Falken wesentlich auf eine BND-Quelle mit dem Codenamen „Curveball“.  Als eine irakische Dissidentin auftaucht und Material verspricht, dasRead More
Zwischen den Kriegen Thomas Wörtche über Ausstellung und Katalog „deutschland/1920er Jahre/neue sachlichkeit/ august sander“ im Centre Pompidou, Paris. Vielleicht ist es nur ein Reflex, der Déformation professionnelle geschuldet, dass mir beim Begriff „Neue Sachlichkeit“ sofort Helmut Lethens „Verhaltenslehre der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen“ einfällt, das jüngst wieder neu aufgelegte literaturwissenschaftliche Standardwerk von 1994 zur Kultur des Interbellums. Vielleicht war es aber auch nur die Hitze in den bei praller Sonne dafür berüchtigten transparenten Röhren des Centre Pompidou an einem heißen Sommertag, die mich nach zumindest intellektueller Kühle sehnen ließ.  UndRead More

Posted On September 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag September 2022

Thomas Wörtche: Nachruf auf Sempé

Eigentlich hatte ich mich auf Sempés Band „Endlich Ferien“ gefreut, kurz nachdem ich endlich Ferien gemacht hatte, und der zudem rechtzeitig vor seinem 90sten Geburtstag am 17. August erschienen ist. Aber Sempé ist am 11. August gestorben, und deswegen wurde aus dem Gratulationsartikel nolens volens ein Nachruf. Ich hasse es Nachrufe zu schreiben, vor allem wenn ich schon ein halbes Dutzend davon auf Sempé gelesen habe, unvermeidlicherweise. Schließlich war er ein Gigant der französischen Kultur. Wobei „Gigant“ nur seine Bedeutung meint, denn ansonsten war so gar nichts Gigantisches, Übergroßes, GewaltigesRead More
Musik des Widerstands, der Kritik, der Selbstermächtigung, des Spotts, der Selbstironie – und der Wollust Robert Cremer: Die Geheimsprache des Blues. Die wahre Bedeutung der Songtexte (Secret Language of the Blues: What the Lyrics Really Mean, 2021). Mit einem Vorwort von Bobby Rush. Edition Olms, Zürich 2022. 868 Seiten inkl. Diskographie u. über 250 teils farbige Fotos u. Illustrationen, 49,95 Euro. Doppelt oder mehrfach codierte Sprachverwendung gehört zum Kernbereich jeder sprachlich verfassten Kommunikation – das gilt für den „vierfachen Schriftsinn“ bei der Bibelauslegung (cf. Friedrich Ohly) genauso wie für den Blues. Der nunRead More
Kerkerphantasien Wenn der Name Giovanni Battista Piranesi (1720 – 1778) fällt, tickert, bei zumindest Nicht- (spezialisierten) Kunstgeschichtlern, die Assoziationskette los: „Carceri“, Gothic, Walpole,  Colerigde, E.T.A. Hoffmann, Poe, Kafka, Borges, M.C. Escher, Alberto Breccia, François Schuiten etc. – also: Phantastische Kunst oder Das Phantastische in der Kunst.  Walpoles Roman  „Castle of Otranto. A Gothic Story“ (1764/5), der Grundlagen-Text für alles, was man später als „Gothic Novel“ oder Schauer/Horrorroman bezeichnen sollte, rückte deswegen in die Nähe Piranesis, weil die Architektur des Schlosses von Otranto in der Phantasie Walpole die visionäre, verschachtelte, bizarre Architektur seines LandsitzesRead More
Vergnügliche Verwirrung Markus Hug diktiert Bücher – er spricht Sätze in das Mikro seines Smartphones, eine Spracherkennungsapp wandelt diese Sätze dann in Text um. Hug ist stolz darauf, keinen Plot zu haben, keine Geschichte, sondern nur Sätze, die aus seinem Kopf, seiner Seele oder sonst woher stammen, zumal er bei diesem Schöpfungsakt gern in eine Art Trance fällt.  Früher hätte man sowas écriture automatique genannt oder zumindest mit dem stream of consciousness rumhantiert, aber mit moderner Technik ist das wohl was anderes. Oder so. Mit Hugs Ehe läuft es nicht soRead More
 Very true crime … Man muss TRUE CRIME nicht nur als nicht ganz so Neues, neuerdings aber erstaunlich beliebtes Subgenre der Kriminalliteratur verstehen, in dem Kriminalfälle aus der Realität rekonstruiert werden, mit dem Grusel des Authentischen anstatt mit der Angstlust des Fiktiven. Es ist aber schon bemerkenswert, dass True Crime sich meistens auf die verbrecherische Tat konzentriert, auf die Ermittlungsarbeit, manchmal auch auf die juristische Nachbearbeitung. Bei True Crime ist das dualistische Weltbild womöglich noch ausgeprägter als in den jeweiligen fiktionalen Pendants: Hier das Skandalon, das Verbrechen, der Fall, dortRead More

Posted On Mai 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag Mai 2022

Thomas Wörtche zum „Horror im Comic“

Standardwerk par excellence Alexander Brauns Prachtband „Horror im Comic“ ist eine extrem lehrreiche und spannende Kulturgeschichte einer Kunstform, die an die Kerne unserer modernen Gesellschaften geht. – Thomas Wörtche ist ziemlich begeistert. In Zeiten des realen Horrors nebenan, scheint „Horror im Comic“ eine eher harmlose, gar frivole Veranstaltung. Aber der Horror nebenan, sprich der Krieg in der Ukraine, ist leider nur ein Horror unter vielen im letzten und diesem Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert war geprägt von unvorstellbaren, einzigartigen Gräueln, von der Vernichtung von Menschenleben, von Körpern, von ethischen Standards, undRead More

Posted On Mai 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag Mai 2022

TW: Der neue Brenner-Roman

Ach, der Brenner! „Müll“ ist der neunte Kriminalroman mit Wolf Haas´ Serienfigur Simon Brenner. Der Ex-Polizist arbeitet inzwischen als „Mistler“, dem Wienerischen Ausdruck für Müllarbeiter. Eine eigene Wohnung hat er nicht mehr, als „Bettgeher“ bricht er in leerstehende Wohnungen ein und haust dort eine zeitlang, bis er weiterziehen muss. Aber das Ermitteln kann er nicht sein lassen, nolens volens. Und so kann er es auch nicht stehen lassen, dass auf seinem Müllplatz Leichenteile gefunden werden, erst ein Knie, dann immer mehr. Nur das Herz des Toten fehlt. Das macht BrennerRead More
Ein wundersames Buch … Natürlich sind Duelle sowas von bescheuert. Obwohl, manchmal ertappt man sich schon bei dem Gedanken, dass es Kränkungen oder Übergriffigkeiten gibt, die man am liebsten morgens um fünf im Festungsgraben aus der Welt räumen möchte. Vorzugsweise mit schweren Säbeln. Aber das ist natürlich nur mal wieder ein Anfall von toxischer Männlichkeit. Und das Schicksal von Alexander Puschkin oder Ferdinand Lassalle ist auch nicht unbedingt erstrebenswert. Und überhaupt: Wer wäre eigentlich heutzutage sanktionsfähig? Sie sehen, alles absurd, aus der Zeit gefallen, anachronistisch. Und aus einer solchen AbsurditätRead More

Posted On März 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag März 2022

Thomas Wörtche: Der Néo-Polar lebt

Jérôme Leroy und Max Annas haben gemeinsam einen Roman geschrieben: „Leipzig Terminus“ Manche Ideen sind irgendwie logisch. Das Lyoner Festival „Quais du Polar“, eine der feinsten Adressen im europäischen Krimi-Festival-Zirkus hatte die Idee, einen „vierhändigen“ Roman schreiben zu lassen, eine Art literarischer Cadavre-exquis, wie diese Methode bei André Breton und den Surrealisten genannt wurde. Einer fängt an, der andere macht weiter. Die beiden Spieler, Jérôme Leroy und Max Annas, sind hinreichend unterschiedliche Autoren, um kreative Spannung und Reibung aufkommen zu lassen, aber sie stammen eben auch, wie Leroy in einemRead More
Thomas Wörtche zu Josephine Teys „Nur der Mond war Zeuge“ „Das Grauen“, schreibt Louise Penny in ihrem Vorwort zu Josephine Teys „Nur der Mond war Zeuge“, ist „weit mächtiger, wenn es nicht ausbuchstabiert wird, sondern nur angedeutet“.  Ja, so etwas kann in der Tat bei Kriminalromanen oder anderen einschlägigen Narrativen (zum Beispiel bei Henry James „The Turn of the Screw“) vorkommen. Aber auf welcher Ebene siedeln wir das Grauen jeweils an? „Nur der Mond war Zeuge“ – ab jetzt verwende ich den Original-Titel „The Franchise Affair“, weil der Mond in demRead More

Posted On März 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag März 2022

Achtung, schlimm …

Die Triggerwarnung – Eine Glosse von Thomas Wörtche Ein gar nicht so neuer Aufreger schwirrt mal wieder durch die literaturbetriebliche Blase: Die Triggerwarnung. Sie wissen schon, der Hinweis, dass es in einem Buch oder einem Film (oder einem sonstigen Medium) zu Sex, Nacktheit, Gewalt, Alkohol oder Drogenkonsum kommen oder dass unflätiges Vokabular benutzt werden könnte. Man hat sich allmählich daran gewöhnt, dass z. B. bei Amazon Prime bei jeder noch so harmlosen Serien-Folge links oben vor derlei schlimmen Dingen gewarnt wird. Mehr als ein amüsiertes Lächeln dürfte die Angelegenheit eigentlichRead More

Posted On März 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag März 2022

TW: Wo der Teufel wohnt ….

Schlagen Sie nach bei Edward Brooke-Hitchings „Atlas des Teufels“ – Thomas Wörtche staunt. Das Leben bis zum Tode ist das Geschäft u.a. des Kriminalliteratur. Dann ist in den meisten Fälle Schluss, das Jenseits mischt sich nur sehr selten ein. Und wundert man sich manchmal über die Phantasie, mit der Kriminalautor:innen sich exquisite Todesarten ausdenken (oder sich von beklagenswerten Realien inspirieren lassen), so sind sie doch naive Kleinkinder im Vergleich mit den Konstrukteuren der Nachwelt. Denn die haben die größeren Ressourcen: Mythen und Religionen, kollektive Vorstellungen, Visionen und Wunschwelten von VerdammnisRead More
Mit Esprit und Witz zur Lage des Planeten Thomas Wörtche über „Ein prekäres Bestiarium„ Im Grunde ist das „Prekäre Bestiarium“ von Heiko Werning und Ulrike Sterblich eines der seltenen Sachbücher, die man, fängt man an, es nachzuerzählen, gleich ganz abdrucken müsste – als Rezension. Um was es geht ist klar: das Prekariat für Tiere besteht darin, auszusterben, ausgerottet zu werden und schon ausgestorben und ausgerottet zu sein, wie der Dodo oder der Beutelwolf. Und natürlich wissen wir das längst. Wenn die Menschheit so weitermacht mit der Zerstörung und Verwüstung soRead More

Posted On März 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag März 2022

TW: Ein Bildband feiert San Francisco

Stundenlang blättern Thomas Wörtche über „San Francisco. Portrait of a City“ Die Nächte in San Francisco sind eher selten warm, der Pazifik dort ist kalt, es regnet eher viel in Northern California, es hat viel Nebel, die Straßen von San Francisco sind steil und nicht sehr fußgängerfreundlich. Trotzdem ist San Francisco einer der Sehnsuchtsorte, zumindest meiner Generation. Die nächsten Generationen sind eher auf die gesamte Bay Area fixiert, Silicon Valley inklusive. Ich habe das beste chinesische Essen meines Lebens in einer unauffälligen Holzhütte dort bekommen, fand „City Lights“, den weltberühmten BuchladenRead More

Posted On Februar 1, 2022By Thomas WoertcheIn Crimemag, CrimeMag Februar 2022

TW: Was soll uns Raymond Chandler heute?

Seriös oder Nicht-Seriös, das ist die Frage Fredric Jameson hat einen anregenden Essay über Raymond Chandler geschrieben, der ein paar problematische Aspekte der Chandler-Rezeption aufreißt. Thomas Wörtche hat ihn sich genauer angesehen.  Raymond Chandler gehört zu den Autoren, die man eigentlich für abgeschlossene Fälle hielt. In seiner literaturgeschichtlichen Relevanz unbestritten, im Großen und Ganzen gut „ausgeforscht“, zumindest gibt es keinen neuen Fakten, die Leben und Werk in einem sensationell anderen Licht erscheinen ließen. Dass bei uns gerade neue Übersetzungen erscheinen, ist philologisch zu begrüßen und mag Nuancen korrigieren, ein neuesRead More