Geschrieben am 10. Mai 2020 von für Allgemein, Litmag, SHUT DOWN 2020

Wiebke Johannsen: Stillstand und Ortsbegehungen


Culturmag Special SHUT DOWN 2020


STILLSTAND UND ORTSBEGEHUNGEN

Der blaue Himmel, die ganze Zeit dieser blaue Himmel, das ist es, dachte sie, was in Erinnerung bleiben wird von dieser aus der Zeit gefallenen Zeit. Unter diesem blauen Himmel, ein Blau zwischen dem der jungen Pioniere, Vergiszmeinnicht-blau und Lichtblau, spürte sie eine ungekannte Geborgenheit, die es ihr ermöglichte, ja, die es ihr dringend nahelegte, gewisse Orte aufzusuchen. Sie nannte sie tatsächlich gewisse Orte und teilte sie in drei Kategorien: die ersten waren die gewuszten und nie gefundenen Orte. Zu ihnen gehörte die Liebesbuche bei der Uhlandstrasze – allein die Worte spannten einen Bogen zwischen Ekstase und festem Versmasz, zwischen geheimer Preisgabe und pathetischem Skandieren.
Die Orte der zweiten Kategorie wünschte sie in anderer Witterung wieder zu sehen. Die Billerhuder Insel gehörte dazu.
Die dritten waren Aufbruchs- und Luftorte, Sehnsuchtsorte. Sie, die nie gern gereist war, las ihre vergilbten Bücher wieder.

 „Sand Sand Sand. Der langweilige Himmel. Die langweiligen Kiefern. Ich wünsche mir einen blauen Strauch, oder einen rosa Baum, oder den Himmel grün … irgend etwas außer der Ordnung, eine Kokospalme, Nordlicht, Sonne mitten in der Nacht. (…) Warum sind wir nicht weitergewandert, bis nach Feuerland oder an den Amazonas? Manchmal träume ich vom Amazonas und den üppigen schwülen Urwäldern … Aber was wird sein? Schlangen und Stechmücken, viel zu heiß, kein Wasser zum Waschen, die Hibiskusblüten nicht so purpurrot wie im Traum, und der Amazonas stinkt, ich wette, er stinkt.“

Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand, Roman, Berlin 2004, S. 33. Erstmals (gekürzt) erschienen 1974.



Wiebke Johannsen



Wiebke Johannsen ist freischaffende Historikerin und Autorin, die sich gerade sehr freut über private und staatliche Wohltaten („Soforthilfe“).

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