Geschrieben am 1. September 2022 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2022

Weltempfänger 56 – Herbst 2022

Ein wunderbarer Nebeneffekt meiner Jury-Mitgliedschaft beim Weltempfänger ist es, dass ich endlich wieder einen beruflichen Vorwand habe, Comics zu lesen – und in „Zurück in die Heimat“ verbindet Nacha Vollenweider sehr schön eine von Migration geprägte Familiengeschichte mit der Frage, wie es nun weitergehen soll im Leben und Lieben der Hauptfigur. Ohnehin gibt es gerade eine ganze Reihe sehr guter Comics aus Lateinamerika. Sie stehen nicht auf dem Weltempfänger, aber „Virus Tropical“ von Powerpaola und „Füchsin und Kröte“ von Sol Díaz – beide bei Parallelallee erschienen – sind fantastische feministische Comics über Selbstfindung, Sexualität und Kreativität.

In Diskussionen über die Gestaltung von Frauenfiguren kommt ja immer wieder die ein wenig müßige Frage auf, ob Autoren auch gute Frauenfiguren entwickeln können. Natürlich können sie – und ein herausragendes Beispiel hierfür ist Jacob Ross. In seinem Kriminalroman „Die Knochenleser“ stecken so viele vielschichtige, komplexe, wunderbare Frauenfiguren und noch dazu so viele hellsichtige Einblicke in die patriarchale Gesellschaft der fiktiven Karibikinsel, auf der der Roman spielt, ich bin sehr begeistert. „Die Knochenleser“ ist für mich ein Highlight des Krimi-Jahres – und noch dazu hat Karin Diemerling ihn wirklich sehr gut übersetzt.

Und zum Schluss möchte ich noch auf einen Roman hinweisen, der mich umgehauen hat: In „Tanz der Teufel“. Fiston Mwanza Mujila erzählt von den 1990er Jahre in Angola und Zaire, dem heutigen Kongo. In der südkongolesischen Minenstadt Lubumbashi treffen Geheimdienstler, Straßenkinder, Männer auf der Suche nach Geld aufeinander. Dabei spielt Mujila auch mit Identitäten: so gibt es einen österreichischen Schriftsteller, der nach Zaire reist, um ein Buch zu schreiben – und Mujila ist im Kongo geboren, lebt aber mittlerweile in Österreich. Ist er nicht auch ein österreichischer Schriftsteller? Schon mit „Tram 83“ hat Mujila seine Originalität unter Beweis gestellt – der „Tanz der Teufel“ ist im Verhältnis dazu etwas kontrollierter, aber ungemein musikalisch, witzig und einzigartig.

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