Geschrieben am 18. November 2022 von für Allgemein, Special Sozialberufe, Specials

O-Töne einer Praxis

O-Töne einer Praxis

Die Klient*innen: Ich habe einen Mann und eine Frau in meinem Kopf mit denen ich mich manchmal unterhalte, die Namen darf ich aber nicht verraten. Mein Grundschullehrer hat mich missbraucht, meine Eltern haben gesagt: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Ich nehme täglich so viel Subutex, davon würdest du sofort sterben. Ich konnte meine Bachelorarbeit nicht beenden, weil ich depressiv und alkoholsüchtig wurde. Gibt’s noch Kaffee? Ich weiß, dass die Menschheit durch LSD im Grundwasser gerettet werden kann! Wenn der noch einmal sowas sagt, raste ich aus. Ich habe nichts Gutes in meinem Leben. Ich mach mich weg. Ich würd nichts anders machen.

Das Team: Ich kann mit dem Klienten nicht mehr zusammenarbeiten. Warum fühle ich mich hier so angegriffen? Ich werde mich mit Burn-Out krankmelden. Können wir darüber abstimmen? So war das hier doch schon immer, es wird sich nichts ändern. Pass auf dich auf, nimm dir doch mal einen Tag frei! Ich geh erstmal Eine rauchen. Och nö, kein Bock auf Fallsupervision. Meine Klientin hat noch 6 Wochen, wir brauchen einen Hospizplatz. Ich melde mich krank. Ich kündige. Wer übernimmt das? Dieser Teil der Arbeit macht mir richtig Spaß.

Ich: Ich will alles richtig machen. Es gibt keine „Fehler“. Ich muss „Fehler“ machen können lernen. Ich brauch eine Pause. Wie soll ich mit dieser Situation umgehen? Ich finde euch toll! Ich trau mich nicht. Ich bin so kurz davor wieder mit dem Rauchen anzufangen. Ihr schätzt mich falsch ein. Ihr kotzt mich an. Ich glaube, ich mag den Klienten mehr als ich sollte. Puh, erstmal ein Bier. Ich kann nicht mehr. Ich fühle mich richtig wohl.

Mit der Zeit verlieren die O-Töne ihre Brisanz und laufen mit, wie Musik im Fahrstuhl, sie werden zur Begleitmusik.
Eine Begleitmusik die mir erschreckend vertraut vorkommt (die Klienten). Ich denke:
Deswegen bin ich also hier.
Eine Begleitmusik, die mich irritiert (das Team).
Ich denke:
Das ist die Herausforderung.
Eine Begleitmusik die mich nervt (Ich).
Ich denke:
Ich muss auf mich aufpassen.


Nora, Sozialarbeiterin, Hamburg

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