Posted On 6. Dezember 2017 By In Allgemein, Klassiker Special 2017, Specials With 148 Views

Nicolas Roeg: Wenn die Gondeln Trauer tragen

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 Dominik Graf

Wenn die Gondeln Trauer tragen von Nicolas Roeg, 1973

Mit Teetrinken in einem netten englischen Landhaus an einem verregneten Herbstnachmittag, an dem die Kinder in Gummistiefeln und Regenmänteln im Garten spielen und die Eltern drinnen selbstvergessen vor sich hindösen, arbeiten oder lesen – genau mit solch einer Idylle beginnt Don’t Look Now (Wenn die Gondeln Trauer tragen).

Und verwandelt sich in zwei Minuten in ein Inferno: Die Tochter ertrinkt im tiefen Bach, der durch das Grundstück führt. Ihre rote Regenjacke, mit der sie tot auf den Armen ihres verzweifelten Vaters liegt, nachdem er sie aus dem Wasser gefischt hat, wird zum Symbol des Films. Und wird den Vater verfolgen bis er Jahre später in Venedig seinem Mörder gegenübertritt, einer Zwergin im wiederum roten Mäntelchen, die ihm ein Messer in die Halsschlagader wirft. Und während er einsam stirbt, sieht er „wie das Boot mit Laura (seiner Frau) den Canale Grande herabfuhr, nicht heute, nicht morgen, aber übermorgen, und er wusste, aus welchem traurigen Anlass sie kamen … o Gott, dachte er, was für eine verdammt idiotische Art zu sterben.“ So endet Daphne du Mauriers Novelle: der Sterbende sieht sein eigenes Begräbnis und erfährt so erst in diesem letzten Moment von seiner wahrhaft außergewöhnlichen Begabung.

Die Frage, ob man eigentlich Filme ebenso sehr lieben kann wie Bücher ist ja noch immer ungeklärt. Denn bislang bleibt es nun mal zumeist dem Leser sehr großer Romane vorbehalten, parallel zum nur blöde chronologisch voran schreitenden Erzählten eine ganz und gar eigene und freie Linie durch Zeit und Raum vergolgen zu können. Das Kino dagegen schreibt seinem Publikum in wachsendem Maß alle Gefühle und Beobachtungen und alle Reihenfolgen und Hierarchien des Erzählens vor, und das Kino ist auf diese, seine unangenehmste, weil – neben dem Bilderwahn – totalitärste Eigenschaft leider zur Zeit auch noch ungemein stolz. Allerdings war das nicht immer so. Als Nicolas Roeg sich 1972 daran machte, Don’t Look Now (Dreh dich nicht um) von Daphne du Maurier zu verfilmen, da hatte er – und nicht nur er – die Hauptsachen und Nebensachen im Kino schon ziemlich durcheinander gewirbelt. Da hatte Roeg nämlich bereits zwei filmische Bomben gelegt, die bis heute ihresgleichen suchen: die Filme Performance und Walkabout. Beide hatten Begriffe von Zeit und Raum und Identität zrsägt wie man es zuvor annähernd nur in den experimentellsten Werken des Kinos gesehen hatte.

Die todtraurige Geschichte des englischen Ehepaars, das durch die Wasserstadt Venedig streift und noch nach Jahren traumatisiert ist vom Tod ihrer kleinen Tochter, war ein gefundenes Fressen für Roeg. Laura (Julie Christie) glaubt über zwei verrückte englische Schwestern übersinnlichen Kontakt mit der Tochter aufgenommen zu haben. John (Donald Sutherland), im Film ein Kunstrestaurator, läuft – obwohl er dem spirituellen Zug seiner Frau äußerst skeptisch gegenübersteht – irritiert mehrmals einem Kind im roten Mantel hinterher, das ihn an seine verstorbene Tochter erinnert. Und erst als die Mörderin ihn dann beim letzten Mal erwischt, da versteht er alle Zusammenhänge: Er ist in die Falle gelaufen, die ihm seine eigene seherische Gabe gestellt hat. Er hatte nämlich das „zweite Gesicht“, aber er wusste es nicht. Er hatte Blut gesehen, und es war sein eigenes gewesen. Er hatte die ganze Zeit sein Schicksal vorausgesehen, ohne es zu verstehen.

Wasser. Lichtreflexe. Blut. Zerbrechendes Glas. Das immer wiederkehrende Rot. Roeg ließ den Film erst im Schneideraum entstehen. Er erfand mit seinem Cutter irrationale Montagen. Das einzelne Bild unwichtig zu nehmen wurde in wachsendem Maß seine Devise. Erst der Ablauf der Bilder, die Montage, die Kombination, die Assoziationen machen einen Roeg-Film aus. Das ist intellektuell, und das ist glichzeitig emotional, und das war damit auch bereits ein letzter Versuch, dem 1973 schon deutlich drohenden modernen Blockbustern noch etwas Hirnmasse entgegenzusetzen.

Wort vs. Bild ist ja wahrscheinlich der geheime, unausgesprochene Bildungskampf der Zukunft. Und Roeg setzte einen ganz und gar realistischen, einen „intelligenten“ Bildersturm gegen jenen ästhetisierten Ikonenterror, gegen jenen Schrecken der mythologisierenden Propagandabilder, die unmittelbar danach mit dem US- Kinderzimmer-Riefenstahl-Kino über uns hereinbrach. Roeg schuf noch improvisierte Bilderfindungen des Moments. Mit sozusagen „kleinen Bildern“ entstand bei ihm eine Art mystischer Realismus. Und er montierte das Ganze so, als würde er mehr dem Fluss unserer Gehirnströme folgen als der computerisierten Dramaturgie eines Schreibtischs. Niemand nach ihm ist auf diesem Weg weiter gegangen.

Daphne du Maurier schrieb Roeg später, dass seine Verfilmung ihrer Novelle sie an den Moment erinnerte, als ihr vor vielen Jahren diese Geschichte eingefallen war: als sie nämlich ein junges, britisches Ehepaar in einem Restarant in Venedig sah, „Alles an ihnen wirkte sympathisch, sie schienen sich sehr zu mögen, sie gingen liebenswürdig miteinander um, sie sahen gut aus … und doch war etwas um sie herum, etwas wie eine Dunkelheit, die sie beide beunruhigte.“ Es freute die alte Dame, dass Roeg mit Julie Christie und Donald Sutherland genau dieses Bild wiedererweckt hatte. Und wie viele Paare mögen sich in der Liebesszene in der Mitte des Films wiedergefunden haben? Wenn die körperliche Sehnsucht nacheinander plötzlich wieder erwacht, gleichsam gegen all die äußeren Einflüsse, gegen all die Zeit, die man schon miteinander erlebt und verbracht hat; neu und anders und damit ein tieferes und gleichzeitig flüchtigeres Gefühl der Gemeinsamkeit füreinander erzeugend denn je. Es sind die für immer verewigten Paare aus versteinerter Asche, die in Pompeji gefunden wurden, die in solchen Momenten im europäischen Kino wieder auferstanden sind.

 

aus: Dominik Graf, Schläft ein Lied in allen Dingen. Texte zum Film. Hrsg. von Michael Althen. Alexander Verlag Berlin, 2009. 376 Seiten, Euro 19,90. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Dominik Graf, Regisseur und Autor, lebt in München.

Nicolas Roeg: Wenn die Gondeln Trauer tragen. Blu-ray, 8.09 €

 

 

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