Gerhard Roth: Aus Sicht des Gehirns


Revolutionäre Erkenntnisse

Die aktuelle Hirnforschung lässt einen Paradigmenwechsel in unserem Menschenbild unausweichlich erscheinen.

Die Hirnforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten rasante Fortschritte gemacht. Ihre Ergebnisse werfen auch ein ganz neues Licht auf entscheidende philosophische Fragen wie die nach der Natur des Geistes und des Bewusstseins oder der Existenz von Willensfreiheit. In seinem Buch „Aus Sicht des Hirns“ fasst der Bremer Professor Gerhard Roth jetzt die wichtigsten Aspekte und Konsequenzen der Hirnforschung auch für den unbefleckten Laien gut nachvollziehbar zusammen.

Triptychon aus „Ich“, „Körper“ und „Welt“
Das Hirn ist im Durchschnitt 1,3 Kilogramm schwer und besteht aus 100 Milliarden komplex vernetzter Nervenzellen. Im Hirn entsteht das Bild unserer Wirklichkeit, das Triptychon aus „Ich“, „Körper“ und „Welt“. Es ist jedoch ein Bild, dass, wie Gerhard Roth erläutert, nur einen winzigen Ausschnitt aus der von unserem Bewusstsein unabhängigen Welt erfasst – nämlich eben den Teil, der für unser Überleben entscheidend ist.

Die Modalitäten und Qualitäten unserer Wahrnehmung werden dabei durch den Ort der Sinnesverarbeitung im Gehirn festgelegt. Bei komplexen Wahrnehmungsprozessen ist aber gar nicht einmal so sehr der Input von außen, sondern vielmehr unser Gedächtnis die entscheidende Komponente. Wie die Hirnforschung unter anderem am berühmten „Phantomschmerz“ nachweisen konnte, ist unsere Weltsicht und ihre scheinbare Stabilität in diesem Sinne ein höchst kompliziertes und über Rückkopplungsschleifen hergestelltes Konstrukt: „Wir leben in einer imaginierten Welt, aber es ist für uns die einzig erlebbare Welt.“

Die Welt als Imagination
Gerhard Roth zeigt auch, dass es das eine, allem zugrunde liegende Ich nicht gibt, sondern nur ein oszillierendes Bündel von unterschiedlichen Ich-Zuständen. Wie schon viele rationalitätskritische Philosophen von Montaigne bis Nietzsche vermuteten, spielt das bewusste Vernunfts-Ich bei unseren Wünschen, Plänen und Handlungen eine viel kleinere Rolle als unbewusste Gefühle und Affekte. Durch lange Versuchsreihen konnte nachgewiesen werden, dass der Zeitpunkt des Willensentschlusses deutlich hinter dem Auftreten eines neuronalen Bereitschaftspotenzials liegt – das heißt z. B., dass eine Bewegung schon eingeleitet ist, bevor ich den bewussten Entschluss dazu fasse.

Die Konsequenzen dieser wissenschaftlichen Ergebnisse sind gravierend und stellen die gesamte abendländische Moralphilosophie auf den Kopf – denn aus Sicht des Gehirns kann es keine subjektive Schuld und Verantwortung geben. Auf ebenso kompakte wie kompetente Art präsentiert uns Gerhard Roth in Aus Sicht des Gehirns auch die Umrisse eines neuen Menschenbildes, vor dem bald kein Jurist, Sozialwissenschaftler, Pädagoge oder Philosoph die Augen mehr verschließen kann. Ein Paradigmenwechsel scheint unumgänglich.

Karsten Herrmann

Gerhard Roth: Aus Sicht des Gehirn. Suhrkamp 2003. Gebunden. 210 Seiten. 14,90 Euro.