Geschrieben am 21. Juli 2018 von für Allgemein, Litmag, News, ReiseMag 2018, Specials

Brigitte Helbling : Das Teheran der alten Männer

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A Country for Old Men

von Brigitte Helbling
 
 
Im Januar 2018 waren sie überall, oder es kam mir so vor. In Cafés, in Theatern, in Ausstellungen, an den Hauswänden… Es war nicht so, als hätte es sie davor nicht gegeben. Sie waren nur augenfälliger, sie nahmen weit mehr Raum ein. Lag es daran, dass mein Farsi endlich einigermaßen alltagstauglich war? Schließlich waren diese alten Männer immer schon da gewesen, genauso wie der Staat, für den sie einstanden, ob aus Notwendigkeit oder aus Überzeugung, der ihnen einen gewissen Status gab, Pfründe vielleicht auch, und der jederzeit in der Lage war, ihnen beides wieder zu nehmen – und einiges mehr.

Alles im Iran ist politisch, selbst das Frühstück, sagten unsere iranischen Theaterfreunde gerne, wenn sie in der Schweiz nach der Politik in ihrem Land befragt werden. Was heißt das? Sah man ihnen beim Leben und Arbeiten zu, so konnte das bedeuten: Vorsicht war geboten. Aber auch Risikobereitschaft. Es gab Regeln, die eingehalten wurden, andere wurden bewusst, übermütig durchbrochen. Kein Mann gibt einer Frau die Hand, doch der Regisseur von DON QUIXOTE verabschiedete sich nach unserem ersten Treffen in Teheran von mir auf der Straße vor dem Hotel mit einer Umarmung. Am Folgetag zog die Autorin ihr Kopftuch, das ständig nach hinten rutschte, beim Gang zum Basar plötzlich hektisch zurecht. Warum? Dort, der Mann auf dem Motorrad – der uns in dem Wahnsinnsverkehr niemals aufgefallen wäre. Mut kann sich auszahlen, Entscheidungen, die nicht sonderlich provokativ scheinen, werden geahndet. Willkür definiert das herrschende Prinzip. Ich war 2010 erstmals in den Iran gefahren, das lag am Theater. Seither war ich wiederholt dagewesen, doch erst beim sechsten Mal, im Januar 2018, fing ich an, über die alten Männer nachzudenken. Und über Irans kulturellen Unterbau, oder Überbau: A country for old men.

Es gibt keine Helden in dieser Geschichte, auch wenn sie mit Helden anfing: Mit zwei Nationalhelden, der eine aus der Schweiz, der andere aus dem Iran.

Ein Mythentausch zwischen der Schweiz und Iran

2012 hatte die Schweizer Theaterformation MASS & FIEBER mit der Teheraner Gruppe DON QUIXOTE ein Projekt realisiert, das sich „Tell/Zahhak“ nannte und über 20 Mal in der Schweiz, sowie viermal beim Fajr-Theaterfestival in Teheran gezeigt wurde. Unser „Mythentauschtheater“ basierte auf einem Austausch nationaler Legenden: Die Iraner spielten Wilhelm Tell, wir von MASS & FIEBER die Geschichte von Kaveh dem Schmied aus Ferdossis „Buch der Könige“, der sich gegen den Dämonenkönig Zahhak auflehnt. An nationalen Geschichten, die die Zeiten überdauern, ist nichts unpolitisch. Die letzte Entscheidung zur Frage, wie weit wir in unseren Gegenwartsbezügen gehen würden, lag, das war von Beginn verabredet, bei den Iranern. Nicht nur, weil wir ihnen für das weitere Leben in der Heimat keine Schwierigkeiten bereiten wollten. Sondern mehr noch, weil von Außen schlicht nicht zu durchschauen war, was aktuell, zu dieser Zeit und in jenem Kontext, möglich war – oder eben nicht. Die Sachverhalte ändern sich von Monat zu Monat, von Fajr-Festival zu Fajr-Festival ohnehin. Homosexualität gibt es im Iran nicht – doch den Festivalpreis 2018 erhielt eine fulminante Inszenierung, die von kaum etwas anderem handelte. In einer Brecht-artigen „Mephisto“-Inszenierung – die Iraner lieben den V-Effekt – sang eine Frau ganz alleine (bei unserer „Tell/Zahhak“-Inszenierung war das noch ein Fall für die Zensur) – ein Lied. Nicht zuletzt diese ständige Verschiebung von Grenzen macht das Fajr-Festival auch für die iranischen Berufskollegen zum Erlebnis.

„Wir haben genug von Helden“, sagte DON QUIXOTE damals, als wir mit ihnen an „Tell/Zahhak“ arbeiteten. „Dieses ganze Blutvergießen, das wollen wir nicht mehr.“ Aber natürlich ist es komplizierter, das mit den Helden. „Wer sind eure Helden?“, fragten wir in der Schweiz das Publikum in einem dritten, gemeinsamen Teil von „Tell/Zahhak“, einem Gang durch einen persischen Garten. Wir ließen sie die Antwort auf Zettel schreiben. Wenn Iraner antworteten, erkannte man das an der Schrift. Und am Inhalt: „Meine Mutter“, schrieben sie. „Mein Vater“. „Mein Großonkel“. „Khomeini“, schrieben sie auch.

Alte Männer im Theater

Alte Männer im Theater. Ihnen gebührt Respekt, beim Festival sind für sie die Sitze in der ersten Reihe reserviert. An ihrer Kleidung kann man sie unterscheiden: Die Politiker tragen braune oder graublaue Anzüge, graue Hemden mit offenem Kragen, die Geistlichen den Aba-Mantel und einen weißen oder schwarzen Turban, die Theaterschaffenden Pullover und legere Jacke, dazu einen Schal wie beim kleinen Prinzen um den Hals geschlungen. Zuschauer, die sich nichts ahnend in ihre Reihe gesetzt haben, werden weggescheucht – andere, vor allem junge Männer, stehen auf und verbeugen sich achtungsvoll vor den alten Männern, die Hand auf dem Herzen. Einmal, 2016, betrat kurz vor Beginn der Vorstellung eines opulenten Historiendramas ein Geistlicher mit weißem Turban den Zuschauerraum – und weit mehr als die Hälfte der Zuschauer in dem riesigen Saal sprang auf die Füße und applaudierte begeistert, frenetisch. Der Mann stand der Reformbewegung nahe und hatte eigentlich Hausarrest, wurde uns später mitgeteilt, mit Tränen in den Augen und einem Schulterzucken: Es ging vielleicht weniger um den Mann als um den Akt des Applaudierens an sich.

Im Iran ist alles politisch, und keineswegs nur das Frühstück.

Der Pakt zwischen alt und jung

A country for old men: Der Künstler, den ich auf Empfehlung der Schweizer Botschaft in einem Teheraner Café aufsuchte, das über einer Buchhandlung lag und ihm als Büro diente, hatte lange in der Schweiz und Deutschland gelebt und gearbeitet; für seine eleganten, minimalistischen Cartoons hatte er hohe Auszeichnungen erhalten. Nun war er aufs Alter hin mit seiner deutschen Frau in den Iran zurückgekehrt, wo Cartoonisten zu den zunehmend gefährdeten Künstlergruppen gehören. Er hatte sich auf Gemälde, Skulpturen und Objekte verlegt. Außerdem gehörte er zur Jury, die die Auswahl für die jährliche nationale Kunstschau in Teheran traf. Geht nicht hin, meinten unsere Theaterfreunde zu dieser Ausstellung. Dort ist ohnehin nichts Interessantes zu sehen. Er selbst sprach an seinem Tisch im Café von Zensurvorgaben, mit denen er nach der Rückkehr konfrontiert war. Aber auch – vielleicht weniger ernst gemeint, als ich in ersten Moment annahm – vom Vorteil der Kopftuchtragepflicht für Frauen: Bei älteren Damen würden durch das Kopftuch immerhin die Falten am Hals verdeckt. Man musste ihn nicht fragen, warum er zurückgekehrt war. Wo im Westen hätte dieser alte Mann an seinem Büro-Cafétisch, über einer Buchhandlung, die einen der wichtigsten Verlage für Intellektuelle vertrat, soviel Achtung und Beachtung gefunden?

60 Prozent der Iraner sind unter 35 Jahren, die Theater sind voller junger Menschen, aber an den Stellen, auf die es ankommt, sitzen die alten Männer. Jung und alt folgen diesem Pakt eines uralten Patronatssystems – die Alten fördern und fordern, die Jüngeren streben, schmücken und verehren –, das in unseren Breitengraden längst verschwunden ist (nicht auszuschließen, dass diverse alte Männer der Europäischen Politik es gerne wieder einführen würden).

Wer ist König, wer ist Schäfer?

Alte Patrone gedeihen am besten in geschlossenen Räumen, in einem System, das nach außen abgeschottet bleibt. Auf dem Podium über Migration, zu dem ich als Schweizerin, die seit 30 Jahren in Hamburg lebt, geladen worden war, sprach ein älterer Mann, ein Schauspieler und Hochschullehrer, leidenschaftlich und engagiert auf das Publikum ein. „Bleibt im Iran!“ rief er. „Widmet Euer künstlerisches Schaffen Eurem Land!“ Vertrat er eine streng staatstreue Linie? Wohl kaum: Seine Studenten, viele davon mit sehr freien Ansichten zu ihrem Land, manche auch mit konkreten Plänen, ins Ausland zu gehen, verehrten ihn. „Es gibt in Frankreich ein Sprichwort“, rief er weiter (er hatte an der Sorbonne studiert) – „Außerhalb der Heimat kann niemand erkennen, ob du ein König oder ein Schäfer bist!“ Sein Podiumskollege hatte davor viel Zeit dafür gebraucht, aufzuzählen, wer von den Schriftstellern im Exil sich umgebracht, in Depressionen verfallen, oder schlicht den Willen zur Kunst verloren hatte. Es war nicht auszumachen, ob der kleinen Zuhörerschar sein impliziter Schluss – nämlich, dass ein Künstler im Exil zwangsläufig, beinah wie durch ein Gottesurteil, seine Schaffenskraft verliert – einleuchtete.

Niemand sprach die Gründe an, warum ein Künstler allenfalls ins Exil geht, gezwungen wird zu gehen. In diesem Rahmen ging das nicht, wurde mir schon im Vorfeld gesagt. Vielleicht waren deswegen nur 15 Zuhörer da. Die andern, die sich für das Thema „Migration“ hätten interessieren können, wussten bereits, dass auch hier nichts Interessantes stattfinden würde. 

Alte (britische) Helden

Eine Kulturszene, die sämtliche Fühler weit nach außen streckt, um das, was sie dort auffindet, dann konsequent und inspiriert mit eigenen Geschichten,  Mitteln,  Künstlern, Schauspielern, Schreibern, Regisseuren, Bühnenbildnern umsetzt, ist beeindruckend autark, bedrückt aber auch in ihrer stolzen Selbstbezogenheit: Eine eigenwillige, zuweilen identitär anmutende Monokultur, überwacht und gefördert von den alten Männern. Männer wie Atila Pesyani, der in den 1990ern maßgeblich dafür verantwortlich war, dass sich vor allem in Teheran eine innovative Theaterszene herausgebildet hatte. Ein Held? Die ganze Familie ist im Teheraner Theatergeschehen nach wie vor präsent und zentral. Pesyani zeigte am aktuellen Fajr-Festival seine äußerst dekorative Inszenierung von Gabriel Garcia Marquez „100 Jahre Einsamkeit“. Er ließ es sich nicht nehmen, die Aufführung an dem Abend, als ich da war, mit einer zehnminütigen Ermahnung ans Publikum einzuleiten, die Mobiltelefone auszuschalten.

Am Abend zuvor – und zum Entsetzen nicht weniger unserer Theaterbekannten – wirkte Pesyani als Schauspieler bei einer Inszenierung mit, die eins zu eins das britische Filmmusical – samt singender, tanzender Kinderdarstellertruppe – „Oliver Twist“ reproduzierte. Teheran, schien es, hatte nun also auch ein eigenes Musical. Nicht für jedermann allerdings – die Kartenpreise (mit ein Grund für die Empörung der Theaterschaffenden) betrugen viermal mehr als für „gewöhnliche“ Aufführungen – in einem Land, in dem die Geldentwertung weiter voranschreitet, auch für ein mittleres Einkommen kaum noch zu bezahlen. „Vielleicht brauchte er das Geld“, sagte eine Schauspielerin, die ehrlich erschrocken schien, als sie sah, wer da in der Rolle des gütigen Mr. Brownlow mitwirkte. „Wer weiß. Das kann doch sein. Vielleicht braucht er einfach das Geld.“

„Das meiste“, sagten wir zu DON QUIXOTE während der Arbeit an „Tell/Zahhak“, „von dem Land, aus dem ihr kommt, verstehen wir nicht.“ Dies war ein Austausch unter Theaterschaffenden, die sich mittlerweile gut verstanden. „Das gilt auch für uns“, antwortete DON QUIXOTE.

Von denen, die draußen stehen

Und nun kam das in diesem Januar daher wie ein beklemmendes Erfolgsrezept: Ein geschlossenes Land der alten Männer, die für oder auch gegen die geballte Energie der Jugend die Kultur verwalten. Ein Erfolg zumindest für diejenigen alten Männer – Intellektuelle, Kunstschaffende, Schriftsteller – die nicht angeeckt waren, oder ausreichend andere alte Männer hinter sich wussten, alte Männer im Schatten, hinter denen wieder alte Männer in noch tieferen Schatten standen. Wer  in Ungnade fiel und gehen musste, wurden aus diesem System der Einflussnahme hinauskatapultiert. „Sie stoßen dich aus, sie geben dir das Gefühl, nicht mehr als eine Kakerlake zu sein“, beschrieb ein älterer iranischer Professor den Vorgang, der als Referent ans Fajr-Festival gekommen war. Er lehrt seit fünf Jahren im Ausland. „Immer wieder träume ich davon, wie ich einen von ihnen umbringe. Und dann wache ich auf und fühle mich elend.“

„Kleine Messerstiche“, nannte er die Einladung, die ihn ans Fajr-Festival geführt hatte. „Eine Ehre, die schmerzt.“ Keine Ehre, auf die er verzichten wollte. Die Familie war in Teheran, die Freunde, die akademischen Mitstreiter – die intellektuelle Heimat. Wo sonst hätte er mit ihnen allen die alte, intensive, reichhaltige, vielfach gebrochene Gemeinschaft weiter pflegen sollen?

 

Brigitte Helbling ist Culturmag-Mitarbeiterin und Autorin und schreibt seit einigen Jahren eine ganze Menge für Theater, ihre „Zwingli Roadshow“ (mitkonzipiert und in der Inszenierung von Niklaus Helbling) wird Mitte September 2018 am Theater Kanton Zürich Premiere haben. Mehr zur Schweiz-Iranischen Theaterkooperation „Tell/Zahhak“ von 2012/13 findet sich auf der Homepage von Mass & Fieber/Mass & Fieber OST.

 

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