Geschrieben am 18. November 2022 von für Allgemein, News, Special Sozialberufe, Specials

An das Kind, dem ich nicht gerecht werden kann

An das Kind, dem ich nicht gerecht werden kann

Hallo du,

vielleicht erinnerst du dich an mich: Ich bin während Corona an deine Schule gekommen, um
Vertretungsunterricht zu machen. Frisch aus dem Studium, bin ich motiviert und engagiert, dir eine schöne Zeit zu ermöglichen und dich zum Lernen zu motivieren. Wir lernen uns kennen. „Du bist so nett!“, sagst du begeistert, als wäre das etwas Ungewöhnliches in der Schule.

Schnell merke ich, dass ich meinen eigenen Standards nicht gerecht werden kann. Immer öfter fallen Kolleg:innen aus. Immer öfter muss ich allein vor 26 Kindern stehen. Mittendrin, da sitzt du. Dir hat Corona und die Einsamkeit besonders zu schaffen gemacht. Du brauchst die Aufmerksamkeit, die man dir zwei Jahre nicht geben konnte. 25 andere Kinder, wollen das auch. Du wirst deshalb immer lauter.

„Hört mich denn keiner?“ Ich glaube, das denkst du jedes Mal, wenn ich dir nicht die Zeit geben kann, die du verdient hast.

Regeln fallen dir schwer. Wie soll es auch anders gehen, wenn du die letzten Jahre nur
Ausnahmesituationen kanntest? Mama und Papa waren schließlich immer zuhause. Jetzt plötzlich nicht mehr. Plötzlich bin da nur noch ich und die anderen Lehrer:innen, die Vertretung machen müssen, weil schon wieder jemand im Kollegium krank ist. Immer wieder neue Leute. Das fällt dir nicht leicht. Wir können das nicht auffangen, auch wenn mir als Sonderpädagogin das Herz zerbricht.

Inzwischen kann ich nicht mehr nur dir nicht gerecht werden. Auch das Mädchen, das plötzlich jeden Morgen mit einer Panikstörung vor der Klassentüre steht, kann ich nicht auffangen. Sie schreit und weint, stundenlang. Sie will nur zurück zu ihrer Mama. Ich kann auch den Jungen nicht auffangen, der immer andere schlägt, weil er nicht versteht, was das bedeutet. Denn ich kann ja nicht fördern, ich kann nur vertreten.

Es tut mir leid, liebes Kind. Für jedes Mal, bei dem ich streng oder etwas lauter sein muss. Ich hasse es selbst und mag mich so nicht. Es tut mir leid, dass ich eventuell Dinge sage, die dich für immer begleiten werden. Ich hoffe, dass du eines Tages aufgefangen wirst.

In Liebe,
deine Lehrerin.

Jana, Sonderpädagogin und Vertretungslehrerin, Hamburg

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