Geschrieben am 1. September 2022 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag September 2022

Alf Mayer unterwegs in „The Alps“

Das warme Leben der Wirklichkeit

Photochrome: Wie eine aus der Zeit gefallene Drucktechnik uns immer noch die schönsten Bilder macht – von Alf Mayer

Ein massiver Buchdeckel in Holzoptik, der Eindruck einer Holzplanke verstärkt vom Gewicht: 6,4 Kilogramm, wunderschönes Edelweißmuster als Vorsatzpapier, die Buchbindung extrem stabil, ein Coffee-Table-Buch, das auf egal welcher Seite aufgeblättert, offen liegen bleibt, ein fingerbreites samtenes Lesebändchen – und Berge, Berge, Berge. Nichts als Berge. Nun ja, Täler und Seen auch. 600 Seiten. Sensationell. Hach.

Ich muss gestehen, etwas Angst hatte ich schon vor diesem Monumentalband – dem siebten in Taschen-Reihe „1900“. Das eben genau deshalb, weil ich die Berge liebe, in ihnen groß geworden bin (nun schon lange Exil-Frankfurter, immer aber mit einem Stich in der Brust, wenn ich in der alten Heimat bin). Berge sind für mich Heimwehfaktor. Und ehrlich gesagt schaue ich sie mir lieber mit eigenen Augen an als durch das Medium Fotografie und Drucktechnik. – Einmal wohnte ich im Piemont bei einem aus Vermont stammenden amerikanischen Guide, auf Kleingruppen aus Übersee spezialisiert, gleich ob Rad, Ski oder Haken & Seil, er hatte die gewaltigste Alpen-Bibliothek, der ich je irgendwo begegnet bin. Auch dort wäre dieses Buch im XXL-Format der Mount Everest. Berge, Berge, Berge. Nichts als Berge. Täler und Seen auch. 600 Seiten. Sensationell. 

Nie und nimmer dachte ich, dass ich 600 Seiten Bergbilder aushalten könnte, ja gar freudig anschauen würde. Bei mancher Doppelseite sogar mit jenem Ziehen am Herz, wie ich das nur von oberhalb der Baumgrenze kenne, tiefes Atemholen inklusive. Hach. Dabei sind die Farbwelten dieses Buches wirklich sehr nah am Kitsch gebaut (mein zweiter Angstfaktor; mein Freund Georg Seeßlen hat dazu einst einen Aufsatz geschrieben: „Die Prostitution Bayerns durch den Fremdenverkehr“), die meisten Abbildungen sind Farbdrucke und Farbpostkarten der Jahrhundertwende – mit entsprechender Ästhetik. 

Natürlich ist es die Buchdramaturgie, die einen bei einer 600-Seiten-Bilderwanderung hält, die Motivauswahl, die Abfolge großer und kleiner Bilder, ultimativ das Layout. Schnell war mir klar, dass gerade dieses Buch einen zusätzlich besonderen Faktor aufzuweisen hat: nämlich die Bildqualität der Druckvorlagen. Bei alten kolorierten Bildpostkarten in ihrer Originalgröße, bei Gepäckaufklebern, Tourismusplakaten, Reiseprospekten oder topographischen Karten ist das mit der heutigen Scantechnik kein Problem, aber bei XXL-großen Bildvorlagen? Alte Postkarten-Ästhetik in Oversize? Immerhin entspricht eine Doppelseite in dem Band der fünfzehnfachen Größe einer Postkarte. Die handelsüblichen Bildformate der Belle Epoche waren kaum größer als eben eine Postkarte, sie jetzt so vergrößert zu sehen ist: Schock, Faszinosum und Erlebnis. Teils habe ich auf die Buchseiten geschaut, wie einen nur (echte) Landschaft in den Bann schlagen kann. Mit einem Wort FUL – MI – NANT!

Farbfotos aus einer Zeit, in der es noch keine Farbfotografie gab

Das hat damit zu tun, dass das vorherrschende Bildmedium dieses Bandes – und der sechs Vorgängerbände aus der Reihe „1900“ – Photochrome sind: Farbfotos aus einer Zeit, in der es noch keine Farbfotografie gab. Die Erfindung ermöglichte es, von einem Schwarzweiß-Negativ farbige Abzüge zu erstellen – damals eine Sensation. Für das Kolorieren war man auf die (oft spärlichen) Angaben der Fotografen angewiesen oder schickte sogar Zeichnerinnen vor Ort, um die Farben zu dokumentieren. Die Drucker bestimmen die Farbwerte – richten sich die Natur nach ihrem Gutdünken ein. Getrickst wurde bei den Photochrom-Bildern von Anfang an. Nicht nur das Abendrot in den Bergen fiel gerne ein bisschen röter aus, mancher Farbkontrast wurde verstärkt, auch mal ein Kahn in einen See montiert. Fast schmerzhaft hyperreal wirken manchmal diese Art Bilder.

Diese „ersten Natur-Farben-Photographien“ erschienen zuerst 1889 in der Schweiz, 18 Jahre vor der Erfindung des Autochroms (1907), 46 Jahre vor dem ersten Farbfilm von Kodak (1935). Schnell und gewinnträchtig wurden sie das (Ansichtskarten-)Medium der Zeit, wurden einzeln oder in Alben und als Postkarten angeboten und vornehmlich in den Tourismushochburgen verkauft. Erfinder des Photochromes war der Drucker Hans Jakob Schmid, Maschinenmeister der Zürcher Druckerei Orell Füssli, die für die Vermarktung dieser Aufnahmen schnell eine Tochtergesellschaft gründete, die Photochrom Zürich (später Photoglob AG Zürich). Der Photochromdruck – auf dem viele der Bildvorlagen dieses grandiosen Buches beruhen – blieb an die hundert Jahre lang das effektivste rasterlose Flachdruckverfahren zur Herstellung von hochwertigen Farbreproduktionen. Die Blütezeit lag vor dem Ersten Weltkrieg. Bis heute ist es eines der qualitativ besten Druckverfahren geblieben, jedoch sehr kostenaufwendig und nur noch selten für spezielle Drucke verwendet.

Für alle Abb. aus dem Buch: © PhotoDiscovery / Former Walter Collection

Wichtigstes Medium für den „Gruß aus …“

Die Chromolithographie, die farbige Variante der Lithographie, war das wichtigste Verfahren der so genannten „Gruß aus…“-Karten, die vor allem im Zeitraum zwischen 1895 und 1905 populär waren. Sie ermöglichte damit die erste nennenswerte Verbreitung des Mediums. Technisch war das jedoch mit einem relativ hohen Aufwand verbunden. Braucht der Schwarzweiß-Druck nur zwei bis drei Druckplatten, so wurden für die Chromo-Farbdrucke mindestens sechs, manchmal bis zu sechzehn Platten verwendet. Unter der Lupe erkennbar ist die Chromolithographie an ihrer relativ unregelmäßigen, groben Kornstruktur. (Siehe dazu unten auch das PPS.)

Die von der Herstellerfirma irreführend als „farbige Photographien nach der Natur“ propagierten Photochrome mit ihrem unverwechselbaren Charakter waren schnell in aller Welt bekannt, in Chicago sorgte eine Tochterfirma für weitere Verbreitung, der US-Kongress halbierte die Postgebühr für Ansichtskarten und machte das Medium damit noch populärer. „Nur am Nordkap selbst, von dem die Photoglob Co. so prächtige Photochrome herausgibt, ist keine Verkaufsstelle, weil auf der unwirtlichen Felseninsel keine Menschen leben“, hieß es 1925 in einem Rückblick. Die NZZ berichtete 1889 über die Erfindung so: «Mit der Wiedergabe der Farbentöne hat die Photographie erst volle Naturwahrheit gewonnen; das photographische Bild ist fortan keine mumienhafte Schattenzeichnung mehr, sondern es hat das warme Leben der Wirklichkeit erlangt.“

Fast wäre der Schatz verloren gegangen, blieb Jahrzehnte lang unbeachtet in einem Regal, aber heute besitzt die Zürcher Zentralbibliothek weltweit eine der größten Sammlungen mit Photochrom-Drucken aus der Belle-Epoque. „Fast ein Viertel der 11.000 Photochrome des letzten Photoglob-Katalogs (von 1911) sind den Alpen gewidmet: Winter- und Sommeransichten, Mondlicht auf Seen, Schluchten, Wasserfälle, Gipfelstürmer, Gletscherwanderer, Zahnradbahnen, aber auch Städte, Kurorte, Grand Hotels und Wintersportler, Dörfer, die heimische Fauna und Flora sowie zahlreiche „Typen und Trachten“ (Porträts in regionaler Tracht) illustrieren dieses Thema, das den gesamten Alpenraum umfasst. Die breite Farbpalette, die Vielfalt der Motive und die Hinzufügung von Details tragen dazu bei, lebendigere Bilder zu schaffen, und führen zu einer „Romantisierung“ der Landschaften“, heißt es dazu im Buch.


Alle Abb. aus dem Buch: © PhotoDiscovery / Former Walter Collection

Diese kräftige Farbigkeit – fast ein „Muskelkater der Bewunderung“

Man versteht als heutiger Sofareisender der Belle Epoque, auf diese Weise zu den schönsten Panoramen der Alpen gebracht, warum auch die damaligen und heutigen echten Reisenden ihren Gebirgsaufenthalt oft mit einem „Muskelkater der Bewunderung“ beenden, wie sich Théophile Gautier in seinen „Vacances du lundi“, einem 1881 erschienenen reizvollen Bericht über seine Alpenreisen, ausdrückte. „Meine Alpen“ kommen in diesem Buch beinahe als letzte an die Reihe: BAYERISCHE UND NIEDERÖSTERREICHISCHE ALPEN, Seite 382 bis 481, hundert Heimweh weckende Seiten vom Lindauer Löwen bis ins Salzkammergut. Genauer, vom Sitzenden Löwen aus Kelheimer Auerkalk, an der Bodensee-Einfahrt am Ende der Südmole , 1856 von Johann von Halbig geschaffen, an Oberstdorf, Oberammergau, Mittenwald, Schlier-, Chiem- und Königssee vorbei bis ins Salzkammergut – „Unendlich viele grüne und schroffe Täler, anmutige und stille Seen […], wohl kein deutsches Land mag auf so kleinem Raum so viel Naturschönheiten zu bieten“, schwärmt der Baedeker von 1893.

Auch in den Bildlegenden des von Agnès Couzy und Sabine Arqué liebevoll und kundig komponierten Buches finden sich hübsche Überraschungen. „Hier auf dem Ritten ist es göttlich schön und behaglich. Ich habe eine unerschöpfliche Lust zum Nichtstun […]“, schreibt etwa Sigmund Freud an seinen Freund Carl Gustav Jung im September 1911 aus dem Hotel Bemelmans-Post in Renon-Klobenstein. „Cortina d’Ampezzo ist der schönste Ort der Welt. […] Einmal verbrachten wir das Ende des Winters im Hotel Bellevue“, erinnert sich Ernest Hemingway (1899–1961) in einem Brief an seinen Freund Ernest Walsh.

Schon als Zehnjährigen nahmen mich meine beiden Onkels Konrad und Franz, zwei echte Bergfexe, von Fronleichnam bis zum Almabtrieb fast jedes zweite Wochenende mit auf ihre Touren. Da wusste ich noch nicht, was das für eine Hütte war, die für sie Basisstation und für mich, zumindest in der ersten Zeit Ziel meines Aufstiegs war. „Dau, den Weg dau gasch nauf, oifach dene Zoicha nau, dann kommsch auf’d Hütte, dau treff’mr eis wieder, so omma Zwoi“ – und weg waren sie, zu höheren und gefährlicheren Touren und zum Klettern. Und ich saß dann mit Taschengeld am Prinz-Luitpold-Haus im Allgäu auf 1.846 Metern Höhe, 1880 vom Prinzregenten Luitpold erbaut, noch heute Treffpunkt für die Besteiger des Hochvogels. Später waren es dann auch das Nebelhornhaus oder andere Alpenvereinshütten, etwa die Illertisser oder Schwarzenberghöhe am Fuß des Großen Daumens. Luitpolds Ära jedenfalls (von 1886–1912), gilt als Zeit des Friedens und Fortschritts. Er beherrschte Bayern, als es ab 1871 Teil des seit 1888 von Wilhelm II. regierten Deutschen Reiches wurde, sanierte die von seinem Neffen und Vorgänger Ludwig II. durch Vanity-Objekte wie Neuschwanstein gebeutelte Staatskasse. Das Märchenschloss gehört heute längst zum Alpeninventar (im Buch mit einem eigenen Auftritt von acht Seiten), ist zu einer Global-Ikone für Bayern, wenn nicht Deutschlands geworden.

Den tiefsten Seufzer hat mein Herz auf der Doppelseite 404/405 getan. Einen solchen Ort gibt es in diesem Buch garantiert für jede und jeden.

Alf Mayer

Sabine Arqué, Agnès Couzy: The Alps 1900. A Portrait in Color – Die Alpen um 1900. Eine Reise in Farbe. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2022. Nummerierte Erstauflage von 10.000 Exemplaren. Hardcover, Format 29 x 39.5 cm, 6.40 kg. 600 Seiten, 150 Euro. – Verlagsinformationen.

P.S. Agnès Couzy, die Autorin dieses Bandes, ist Journalistin und eine passionierte Bergsteigerin. Sie hat zahlreiche Bücher zum Thema Berge veröffentlicht, darunter „Femmes alpinistes“ (2008), „Aiguille du Midi et Vallée Blanche“ (2003), „Briançonnais aux six vallées“ (2017), „Alps/Alpi/Alpen/Alpes“ (2007) und „Voyages dans les Alpes“ (2007, als Co-Autorin).

Viele Photochrom-Bilder sind heute Public Domain und können zum Beispiel bei der Zentralbibliothek Zürich heruntergeladen werden. Auch die amerikanische Library of Congress hat einen grossen Bestand. Viele Bilder sind auch bei Wikimedia Commons zu finden. Weitere Informationen zur Firma Photoglob gibt es auf der Website der Firma. 

P.P.S. Hohe Druckkunst: Der Begriff Photochromie (von griechisch photos = Licht und chroma = Farbe) wurde 1849 vom Physiker Edmond Becquerel (1820-1891) für seine Belichtung von Silberchlorid-Kollodium-Schichten verwendet und dann von Orell Füssli als werbewirksames Markenzeichen für deren lithographische Produkte in Besitz genommen. Wichtiges Medium bei dieser Technik: syrischer Asphalt, der seit der Antike vielfach verwendet wird. Es ist ein lichtempfindliches Material, das unter Lichteinwirkung aushärten (polymerisieren) kann. Der französische Wissenschaftler und Erfinder Nicephore Niepce unternahm damit Fotoexperimente. 1826/27 trug er eine dünne Schicht des teerartigen Materials auf einen Zinnteller auf und machte ein Abbild von Teilen der Gebäude und der umliegenden Landschaft seines Anwesens, wobei er das produzierte, was als das älteste bekannte erhaltene Foto gilt, das mit einer Kamera aufgenommen wurde. Die Platte wurde dabei mindestens acht Stunden in der Kamera belichtet.

Anfang 1888 berichtete die „Photographische Correspondenz“, Sektion Patentliste, dass die Schweizer Firma Orell Füssli & Co am 4. Januar 1888 ein Patent für ihre Erfindung unter dem Namen „Verfahren zur direkten fotografischen Übertragung des Originals für litho- und chromographische Druckplatten vermittelst eines einzelnen Negatives“ erhalten habe. Die Patentschrift selbst und das Verfahren sind bis heute Geheimwissen, wurden und werden bewusst obskur gehalten. Betriebsgeheimnis. Soweit ich das zu recherchieren vermochte, wurde als Lithographie-Stein ein kohlensaurer Kalkstein aus der Gruppe der Flötzkalksteine von feinem, dichtem Korn verwendet und mit einer Mischung beschichtet, die aus Asphalt, Naturharz, Chloroform, reinem Lavendelöl und Benzol in folgender Zusammensetzung bestand: 100 g syrischer Asphalt, zerkleinert, 10 g Mastix (Naturharz), 1 l Chloroform, 20 Kubikzentimeter reines Lavendelöl, 20 Kubikzentimeter Benzol. Zunächst wurde der Stein mit der Mischung begossen, dann mit einem Glas abgedeckt, das die Oberfläche vor Staubablagerung schützte, wonach er etwa zwei Stunden in einem dunklen Raum zu trocknen hatte. Es ist zu betonen, dass der Stein innerhalb von zwei Tagen nach dem Gießen verwendet werden musste, da die Lichtempfindlichkeit des Asphalts mit der Zeit abnimmt.

Die Belichtung war eine eigene Wissenschaft (und Technik). Nach der Retusche wurde der Stein mit einer Lösung von Gummi Arabicum, Wasser und Salpetersäure geätzt und dabei eine partielle chemische Umwandlung der Steinoberfläche hervorgerufen. Der fettempfängliche Stein wurde an den bildfreien Stellen, also überall dort, wo keine Asphaltschicht war, in wasserempfänglichen Kalkstein umgewandelt. Das Ätzen war eine der wichtigsten Phasen der Drucksteinherstellung. Zuviel geätzter Stein erzeugte grobe Bilder mit verzerrten Farben in den hellen Bereichen, während schwach geätzter Stein flache, undeutliche Abzüge verursachte.

Im letzten Arbeitsgang wurde auf den vorbereiteten Stein mittels Lederwalzen Farbe aufgetragen. Auf den mit Asphalt bedeckten Bereichen blieb die Farbe haften, geätzte, unbeschichtete Bereiche stießen die Farbe ab. Um einen Abzug mit einem vollen Farbbereich zu erzielen, wurde normalerweise die folgende Farbpalette verwendet: Hellblau, mittleres Blau, Dunkelblau, Hellgelb, Dunkelgelb, Rosa, helles Rot, Dunkelrot, Grau, Tiefe.

Nach höchstens 2000 Abzügen von einem Satz Steine musste die Asphaltschicht erneuert und alle Schritte von neuem wiederholt werden. Die zeitaufwendige Technik wurde nach der Mitte des 20. Jahrhunderts durch den gerasterten Fotolitho/Offsetdruck verdrängt und ist heute aus der Druckindustrie verschwunden. – Details nach: Bruno Weber, Peter Kunz: Der Photochromdruck vom Lithostein, Gilde Gutenberg Küsnacht/ Zürich 2006. Und siehe auch dieses PDF.

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